TIERSCHUTZ-THEMEN TIERZIRKUS DETAILINFO
Change language:  english
Druckversion: mit Bildern | nur Text

Detailinformation zum Tierzirkus

Ursprung und Geschichte des Tierzirkus

Der Zirkus, wie wir ihn heute kennen, hat seinen Urprung in den Jahrmärkten des 17. Jahrhunderts, in denen Gaukler, Seiltänzer, Feuerspucker und Jongleure zu sehen waren, aber auch Abnormitätenkabinette mit sogenannten „Sonderlingen der Natur“, in Wirklichkeit körperlich mißgebildete Menschen und exotische Tiere. Ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die reinen Zur-Schau Stellungen der „Sonderlinge“ zu langweilig, und der Mensch stieg als „Bezwinger der ungebändigten Natur“ zu den Tieren in den Käfig. Dabei wurden die Tiere absichtlich durch Lärm und Peitschenknallen provoziert, um möglichst wild und gefährlich zu wirken. Im Rahmen der Vorführung wurden die „wilden Tiere“ dann unterworfen: sie mussten dem Meister die Schuhe lecken oder sich vor ihm niederducken.

Dieser künstlich-aufgebauschte Konflikt zwischen Mensch und Natur fand in einem am 15. September 1885 in New York, USA, arrangierten Zusammenstoss zwischen einem Zug und einem Elefanten seinen symbolischen Höhepunkt: der Zug entgleiste zwar, aber der Elefant starb an dem Aufprall. Die Natur war durch den menschlichen Geist und seine Technik bezwungen.

Ab dem 20. Jahrhundert konnte der künstlich dargestellte Kampf zwischen Mensch und Wildtier im Zirkus niemanden mehr beeindrucken: das Selbstbewußtsein der Menschheit war schon zu groß. Der Ausgang dieses „Konflikts“ wurde selbstverständlich. So ging man dazu über, das Wildtier als domestiziert und vermenschlicht zu präsentieren. Die Wildtiere versuchen wie Menschen zu wirken, sind aber dabei nur tolpatschig und hilflos, und erreichen natürlich niemals menschliche Eleganz. Die Wildtiere werden als Menschen verkleidet, verniedlicht, tanzen und singen, spielen Musikinstrumente oder fahren Wasserschi, und werden generell zur Lachnummer. Das vormals respekteinflössende Wildtier wird zum Clown degradiert. Niemand fürchtet sich mehr davor, alle lachen.

Das ist die Darstellungsform von Wildtieren im Zirkus heute. Aber seitdem sich der Tierschutzgedanke ausbreitet, der Respekt vor dem Tier fordert, und der das Tier in seinem natürlichen Lebensraum erhalten will, und nicht in fahrenden Wanderzirkussen als Sonderlinge der Natur oder lächerliche Clowns, seitdem nehmen die Zirkusse zunehmend Abstand von der Wildtierhaltung. Im Jahr 1996 verkündete der ehemalige Österreichische Nationalzirkus Elfi Althoff-Jacobi (Artisten-Tiere-Attraktionen), daß er aus Tierschutzgründen keine Wildtiere mehr führen wird. Der Zirkusdirektor Andy Lehner bekam dafür 1999 den „Umweltlorbeer“. Und die meisten Zirkusse in Österreich zogen nach. Nur einige wenige anachronistische Ausnahmen, wie der Österreichische Nationalzirkus Louis Knie sowie der Zirkus Belly-Wien, bestanden bis zuletzt auf der Ausstellung exotischer Wildtiere.

Herkunft und Dressur der Wildtiere im Zirkus

Die Herkunft der meisten Wildtiere im Zirkus ist schwer nachzuvollziehen. Bevor noch strenge Artenschutzbestimmungen erlassen wurden, gab es einen regen, unkontrollierten Tierhandel. Viele der Opfer dieses Handels sind noch immer in Zirkussen im Umlauf. Oft sind es Großwildjäger, die die Tierkinder, deren Eltern bei der Großwildjagd getötet worden sind, am Markt anbieten. Manche Zirkustiere stammen aus Zoos, die gerne Tierkinder produzieren, um Zuschauer anzulocken, diese Kinder aber als Jugendliche möglichst rasch loswerden wollen – um für die nächsten Kinder Platz zu machen. Heute müssen allerdings Zirkus- und Zootiere in ihren CITES Papieren verschiedene Deklarationen haben und können daher nicht einfach „umgewidmet“ werden.

Über die Dressur von Zirkustieren ist gerade in letzter Zeit viel bekannt geworden. Die Jungtiere kommen zunächst in sogenannte Dressurfarmen. Tierschützer hatten sich in verschiedenen Dressurfarmen in England und Südafrika anstellen lassen und dabei die Gewalttätigkeiten gefilmt. I.a. wird den Wildtieren zunächst der eigene Wille durch ständige Schläge und brutal-enges Anketten gebrochen. Wenn sie dann die uneingeschränkte Macht der Menschen über sich anerkannt haben, beginnt die Dressur. Den Tieren werden dann mit verschiedenen Gewaltmitteln „Kunststücke“ aufgezwungen. Die Dressur muß möglichst rasch gehen, und muß auch von einem dem Tier unbekannten Menschen wieder abrufbar sein. Deshalb ist das Mittel zur Dressur immer Gewalt: Schläge, Elektroschocks, Aufziehen am Kran, Niederfesseln.

Schon legendär sind die heißen Platten, auf die Bären gestellt werden, um ihnen das Tanzen beizubringen. Elefanten schlägt man, bis sie sich wie gewünscht bewegen, oder bindet ihnen ihre Beine an einem Kran fest, und zieht sie in die Höhe, um ihnen Kopfstand, Handstand oder „Männchen machen“ einzubläuen. Die Firma Nuova Electronica berichtet von speziellen Elektroschock-Geräten, die sie für die Zirkustierdressur entwickelt hat. Peitsche und Elefantenstock fehlt in keiner Dressurnummer. Für die Elefanten gibt es auch Ohrenschlingen, die sich unter Zug zusammenziehen und eine Metallspitze besitzen, die sich den Elefanten hinter den Ohren in ihr Fleisch bohrt.

Der Zirkus kauft dann das Tier samt seinen „Kunststücken“ von der Dressurfarm. Manchmal werden aber die Zirkustiere auch zusammen mit dem Dompteur für eine Saison von Zirkussen angemietet. Die sogenannten „Trainingseinheiten“, die manche Zirkusse als „Beweis“ ihrer „sanften Dressur“ vorzeigen, sind nur Wiederholungen.

Haltung der Tiere

„Wildtiere können im Zirkus nicht artgerecht gehalten werden“ ist die Schlußfolgerung einer wissenschaftlichen Studie im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft aus dem Jahr 1996, u.a. mit Dr. Pechlaner als Autor. Selbst Zirkusdirektor Louis Knie bestätigt diese Einsicht in einem Interview mit einer Tageszeitung. Das beruht in erster Linie auf dem Umstand, dass Wanderzirkusse notorisch unter Platzmangel leiden. Deshalb werden nach einer Studie Löwen und Tiger über 90% ihrer Zeit in Transportfahrzeugen und Elefanten ähnlich lange an Fußketten gehalten. Diese hochintelligenten Tiere werden durch den Mangel an intellektueller Stimulation, an Sozialkontakt und an Bewegungsmöglichkeit geistig schwer gestört. Alle Zirkustiere zeigen monotones Kopfwackeln oder ähnliche Stereotypien. Beim lebenslangen Tiertransport von Aufführungsort zu Aufführungsort verbringen die Wildtiere die meiste Zeit in engen Transportfahrzeugen bzw. Transportbehältern oder bei der Verladung unter Streß. Die Zirkuswelt ist dauernd hektisch, dauernd in Bewegung. Am meisten leiden darunter die Schwächsten, die Tiere.

Der Zirkusexperte William Johnson schreibt in seinem Buch „Verzauberte Manege“: „Solange es Zirkussen erlaubt ist, Tiere zu Unterhaltungszwecken in der Welt herumzukarren, werden Großkatzen und Bären in Käfigen untergebracht sein, die klein genug für den Transport sind, und Elefanten werden den größten Teil ihres Lebens in Ketten verbringen müssen.“

Ohne für viele Zuschauer unmittelbar zu erkennen, sind aber auch die meisten Kunststücke der Wildtiere selber eine Tierquälerei. So ist es ein nicht-zumutbarer Streß für Hyänen, wenn sie mit ihren Freßfeinen, den Löwen, gleichzeitig in der Manege auftreten müssen. Und wenn Tiger durch brennende Reifen springen müssen, so können sie ihre Angst nur durch die größere Angst vor Peitsche und Elektroschokgerät ihrer Trainer überwinden. Und wenn Elefanten Kopf- oder Handstände machen müssen, oder auf den Hinterbeinen stehen, wie in allen Zirkussen mit Elefanten üblich, dann ist das ebenso Tierquälerei. Das Gewicht der Elefanten ist nämlich so groß, dass es nicht nur mit den Vorder- oder Hinterbeinen getragen werden kann, ohne gesundheitliche Schäden in den Gelenken oder an den Füssen zu bekommen.

„Tiere, die eine andauernde Abneigung dagegen haben, in die Manege zu gehen, oder Tiere, die nicht den Beifall des Publikums finden oder sich nicht daran gewöhnen können aufzutreten, werden getötet.“, schreibt die Verhaltensforscherin Kiley-Worthington in ihrem Bericht.

Elefanten haben ein viel grösseres Gehirn als Menschen. Sie sind sehr intelligente Tiere, die in einem starken Sozialgefüge leben und zu komplexer Kommunikation fähig sind. Die Familien sind in lose zusammenhängenden Gruppen unter einer Matriarchin organisiert, die aber nicht despotisch regiert, sondern nur führt, und vor allem in Notsituationen beisteht, wie z.B. bei Naturkatastrophen, in Dürreperioden oder bei der Geburt. Daher ist Elefanten das Leben unter einem sie dauernd dominierenden Individuum, wie im Zirkus der Dompteur, völlig fremd und unerträglich.

Unfälle mit Zirkustieren

Wenn große, starke und potentiell gefährliche Wildtiere schlecht gehalten und mißhandelt werden, dann verwundert es nicht, wenn es regelmässig zu Unfällen kommt. Seit 1998 gab es allein in Österreich 4 Verletzungen von Menschen durch Zirkustiere, einmal trampelte eine Kamel auf einen kleinen Buben, zweimal Biß ein Affe Kinder und im Juli 1998 hob ein Elefant des Zirkus Belly-Wien einen Tierschausbesucher über die Absperrung und zerdrückte ihm den Brustkorb. Der Mann war lebensgefährlich verletzt und mußte auf der Intensivstation in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden.

Aus der Zeit zwischen 1970 und 1997 sind insgesamt 32 Fälle bekannt, bei denen in Österreich Menschen durch Zirkustiere verletzt wurden. Beim schwersten Fall wurde im Juni 1984 in Bad Gastein in Salzburg der marokkanische Wärter des Elefanten Madura des Zirkus Knie von diesem Elefanten während einer Probeaufführung getötet. Im Juli 1997 besichtigte ein Mann mit seinen zwei Kindern die Elefantenkuh eines Wanderzirkus in Schörfling, Oberösterreich, wurde dabei von dem Tier attackiert und schwer verletzt.

Weltweit wurden zwischen 1990 und 2000 insgesamt 50 Unfälle mit Elefanten und 32 Unfälle mit Großkatzen bekannt, die zusammen in 18 Fällen mit dem Tod eines Menschen geendet haben. Zumeist waren die Angegriffenen die Trainer der Tiere.

Tierrechts-Kampagnen gegen Tierzirkusse

Weltweit gibt es Kampagnen von Tierrechtsseite gegen Wildtiere im Zirkus. In einigen Ländern konnten Wildtierzirkusse bereits verboten werden, so z.B. in vielen Provinzen Englands, in Skandinavien und in Israel. Erst kürzlich wurde bekannt, dass auch Brasilien ein Wildtierzirkusverbot erlassen hat.

In Österreich gibt es rund 10 Zirkusse. Die meisten davon hatten schon 1996 keine Wildtiere mehr. Neben dem Zirkus Pickhard mit einer Riesenschlange, blieben 1996 nur 3 Zirkusse mit Wildtieren übrig: der Golden Circus mit 2 Tanzbären, der Österreichische Nationalzirkus Louis Knie mit einer großen Tiermenagerie mit Großwildtieren wie Hyänen, Bären, Löwen, Tigern und Elefanten, und der Zirkus Belly-Wien mit Elefanten. Zusätzlich zu diesen österreichischen Zirkussen besuchen natürlich auch ausländische Zirkusse mit Wildtieren regelmässig Österreich.

Golden Circus

Der kleine Golden Circus mit seinen 2 Tanzbären machte es jedem Besucher, der bereit war hinzusehen, sofort offensichtlich, wie schlecht es den beiden Bären ging: sie hatten Nasenringe, waren in einem winzigen Käfig eingesperrt, und vertrauenswürdige Zeugen erzählten uns von der Brutalität, mit der sie behandelt worden sind. Auf die Aufklärungskampagne des VGT reagierte der Golden Circus fast überhaupt nicht. Im November 1999 ging der Golden Circus bankrott, konnte aber bis Juni 2000 weitere Aufführungen machen. Danach wurden die beiden Bären ins Bärenasyl in Arbesbach übersiedelt.

Österreichischer Nationalzirkus Louis Knie

Schon im Jahr 1996 reagierte der Zirkus sofort mit Gewalt. Ein VGT-Aktivist hatte in der Tierschau des Zirkus ausführlich gefilmt, um die Kampagne des VGT gegen Wildtierzirkusse vorzubereiten. Das passte dem Zirkusdirektor Louis Knie aber nicht, und so schlug er dem Aktivisten ins Gesicht, wofür er auch gerichtlich verurteilt wurde.

„Brutal zu Menschen – brutal zu Tieren“. Aufgrund der Ähnlichkeit von Menschen und Tieren hat auch die Kriminalpsychologie längst einen Zusammenhang zwischen Gewalttaten gegen Menschen und Gewalttaten gegen Tiere nachgewiesen. Und so verwundert es nicht, dass der Zirkus Knie zunächst mit größter Gewalt auf die Aufklärungskampagne des VGT reagierte. In verschiedenen Städten wurden AktivistInnen angegriffen, geschlagen und verletzt. Erst als diese Gewaltakte nichts fruchteten und eher negative Schlagzeilen brachten, wechselte die Strategie des Zirkus.

In den Jahren 1998 und 1999 versuchte es der Zirkus mit Klagen wegen Geschäftsschädigung und Unterlassungsklagen wegen angeblicher Besitzstörung. Und zusätzlich intervenierte der Zirkus bei der Wiener Veranstaltungsbehörde, um öffentliche Informationsveranstaltungen des VGT zum Thema Zirkustiere untersagen zu lassen. Zuletzt setzte sich aber das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung gegen die Zensurforderungen des Zirkus durch.

So verlegte sich der Zirkus im Jahr 2000 wieder auf Gewalt: im März 2000 wurden AktivistInnen des VGT zunächst in Krems und dann in Tulln von Zirkusangestellten, allen voran die Zirkusdirektoren Louis Knie jun. und sen., angegriffen und schwer verletzt. Bei diesem Angriff zerstörten die Zirkusleute systematisch das gesamte Material der AktivistInnen, wie TV-Gerät, Stromgenerator, Videorecorder, Transparente und Plakate. Einige Zeit später überwies der Zirkus 100.000 Schilling (ca. € 7.000) an Schadenersatz und Schmerzensgeld an den VGT. Beim Strafprozess gegen die Haupttäter gab es Freisprüche mangels Beweis. Das Gericht anerkannte zwar, dass die Zirkusleute die AngreiferInnen waren, aber es konnte nicht genau nachgewiesen werden, wer für welchen Übergriff verantwortlich ist.

Am 21. Dezember 2001 ging dann auch der Österreichische Nationalzirkus Louis Knie bankrott. Allerdings kaufte eine Gruppe von Gönnern den Zirkusbestand auf und so konnte der Zirkus im nächsten Jahr weitermachen wie bisher. Dar VGT hatte zusammen mit anderen Tierschutzvereinen fast 1 Million Schilling (ca. € 70.000) für die Übernahme der rund 70 Tiere geboten – ohne Erfolg. Immerhin musste der Zirkus Knie im Jahr 2001 aufgrund der Gefahr der Maul- und Klauenseuche ohne große Wildtiere auskommen. Aber die neuen Besitzer gaben bereits öffentlich bekannt, im nächsten Jahr wieder neue Raubtiere und Elefanten ankaufen bzw. anmieten zu wollen. So kamen einmal neue Wildtiere dazu – und der VGT demonstrierte wieder und brachte die Tierhaltung zur Anzeige – dann wurde die Tierhaltung wieder aufgegeben.

Trotz dem seit 1. Jänner 2005 in Kraft getretenem Verbot von Wildtieren in Zirkussen tourte der Zirkus Knie sen. ab 12. März 2005 aber wieder mit Wildtieren durch Österreich. Trotz unzähliger Anzeigen seitens des VGT konnte der Zirkus aber nicht belangt werden, da er ständig seinen Ort wechselte und die Behörden zu langsam agierten. Ende Mai bekam der Zirkus noch zusätzlich Schützenhilfe durch einen Brief aus dem Tierschutzministerium. Mit dieser "Sondergenehmigung - das Ministerium vertrat offenbar die Rechtsmeinung, dass es sich bei einigen der mitgeführten Wildtiere um private Haustiere von ArtistInnen handelte bei anderen seien Übergangsbestimmungen anzuwenden - gelang es dem Zirkus bis August 2006 unverändert mit seinen Wildtieren weiterzutouren. Erst am 17. August wurde die Tierhaltung erstmals offiziell untersagt und in Folge ein Strafbescheid ausgestellt. Am 31. August ging der Zirkus nachdem ihm Genehmigungen für weitere Aufführungen nicht erteilt worden waren, neuerlich bankrott. Die Wildtiere wurden von der Gläubigerbank im September 2005 an den deutschen Zirkus Lana verkauft und außer Landes gebracht.

Es waren mehr als 100 Anzeigen in neun Monaten notwendig gewesen, um die Behörden dazu zu bewegen, das Wildtierverbot tatsächlich durchzusetzen.

Zirkus Belly-Wien

Der letzte österreichische Zirkus mit Großwildtieren war der Zirkus Belly-Wien. Er hatte 2 Elefanten, die erst 1997 eingekauft worden waren. Einer dieser Elefanten ist für den lebensgefährlichen Angriff auf einen Zirkusbesucher im Juli 1998 verantwortlich. Im Jahr 2000 wurde bekannt, dass der Zirkusdirektor Zinnecker einen weiteren Elefanten illegal einführen wollte. Die Polizei versuchte dies zu verhindern, aber der Zirkusdirektor entzog sich den Behörden durch Flucht nach Deutschland.

Ab September 2001 informieren AktivistInnen des VGT auch die BesucherInnen des Zirkus Belly-Wien über die Situation der Tiere im Zirkus. Aber Direktor Zinnecker und seine Zirkusleute reagierten mit größerer Gewalt als jeder andere Zirkus zuvor: in Salzburg und Bad Ischl schlugen sie mit lebensgefährlicher Gewalt auf die friedlichen TierrechtlerInnen ein. Insgesamt 12 wurden schwer verletzt. Wieder wurde ein beträchtlicher Sachschaden an VGT-Eigentum angerichtet. Obwohl die angreifenden Zirkusleute – wie bei solchen Angriffen üblich – versucht hatten, alle Filmkameras der TierrechtlerInnen zu zerschlagen, gelang es einem 10 jährigen Passanten heimlich den Angriff mitzufilmen. Am nächsten Tag strahlten die meisten Sender das Filmmaterial aus. Eine strafrechtliche Klage, sowie eine entsprechende Zivilklage für Schmerzensgeld und den angerichteten Sachschaden, wurden eingereicht. Den Behörden ist der Zirkusdirektor Zinnecker kein Unbekannter: im Jahr 1990 hatte er Gendarmen mit Fäusten niedergeschlagen und konnte nur durch einen Warnschuss von weiteren Gewalttaten abgehalten werden. Nachdem die Staatsanwaltschaft die Anzeigen niedergelegt hatte, stellten wir Strafantrag, sodass die Angreifer eben auf Kostenrisiko des VGT verfolgt wurden. So kam es letztendlich doch zu Schuldsprüchen: Am 13. Juli 2003 wurde der Zirkusdirektor Roman Zinnecker wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu € 1000 Strafe verurteilt. Am 17. Juli 2004 kam es zum Prozess gegen seinen Komplizen Thomas Kasper, bei dem dieser auch wegen vorsätzlicher Körperverletzung, allerdings nur zu € 80 bedingt, verurteilt wurde.

Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich

Weil im Jahr 2005 einigen deutschen Zirkussen mit Tigern und Elefanten aufgrund ihrer Wildtiere die Einreise nach Österreich verwehrt wurde, beschwerten sie sich bei der EU-Kommission. In einem Mahnschreiben des EU-Kommissars für den Binnenmarkt, Charlie McCreevy, an Österreich vom 12. Oktober 2005 wurde moniert, dass das österr. Wildtierverbot im Zirkus die EU-Dienstleistungsfreiheit unzulässig einschränke.

Die EU-Kommission wollte, dass Österreich sein Wildtierhaltungsverbot im Zirkus dahingehend abändert, dass es nur mehr für österreichische aber nicht mehr für ausländische Zirkusse gilt. Die Dienstleistungsfreiheit würde bedeuten, dass ein Dienstleister wie ein Zirkus, der in einem Land seine Dienstleistung anbieten darf, in jedem anderen Land der EU ohne Behinderung dieselbe Dienstleistung anbieten können muss. Nun verbietet ja das Wildtierhaltungsverbot nicht Zirkusvorführungen generell, sondern verlangt nur, dass ein Zirkus nicht Wildtiere mitführen und/oder sie auftreten lassen darf. Allerdings meinte die EU-Kommission, dass das für einen ausländischen Zirkus in Österreich eine unzumutbare Einschränkung seiner Tätigkeit wäre. Tierschutz wäre zwar ein wichtiger Wert in der EU, aber ein komplettes Wildtierhaltungsverbot würde über das Ziel Tierschutz hinausgehen. Der Schutz der Wildtiere im Zirkus wäre auch schon durch eine Haltungseinschränkung zu erreichen.

Der VGT begann daraufhin eine intensive EU-weite Kampagne und präsentierte am 20. Dezember 2005 eine eigene Webseite (www.vgt.at/circus.php) in verschiedenen EU-Sprachen, die automatische Protestemails an die zuständigen Stellen ermöglichte und bis ins Detail über die Situation informierte. Anfang April 2006 hatten bereits über 20.000 Personen aus ganz Europa die Möglichkeit genutzt, von der VGT-Webseite aus ein Protestemail abzuschicken.

Durch die intensive internationale Lobby-Arbeit im EU-Parlament, mit der großen Unterstützung praktisch aller Tierschutz- und Tierrechtsvereine in der EU, gab es eine Protestwelle, die ihresgleichen sucht. Der SPÖ-Europaabgeordnete Jörg Leichtfried betonte am 13. Dezember bei einer Rede vor dem anwesenden EU-Kommissar McCreevy, dass der Schutz und das Wohlergehen der Tiere im Vordergrund stehen müssen. Mit dem Wildtierhaltungsverbot nimmt Österreich also eine Vorreiterrolle im Tierschutz ein. Insgesamt wurden 4 kritische Anfragen an die EU-Kommission (am 23. November von der SPE, am 6. Dezember von der EU-Abgeordneten Karin Resetarits, am 5. Jänner von holländischen und am 12. Jänner von englischen EU-Abgeordneten) und eine weitere am 9. Dezember von einem deutschen EU-Abgeordneten an den EU-Rat gestellt. Zahllose Proteste von Tierschutz- und Tierrechtsvereinen aus allen Ländern haben die EU-Kommission überschwemmt.

Mitte Jänner 2006 antwortete das Gesundheitsministerium an die EU-Kommission. Nach Angaben aus dem Ministerium wurde dabei unser Tierschutzgesetz verteidigt und argumentiert, dass es eine zulässige Einschränkung der Dienstleistungsfreiheit sei.

Am 25. Jänner brachten die Grünen einen Entschließungsantrag im Parlament ein, der mehrheitlich befürwortet wurde. Er verpflichtet die Regierung dazu, sich für das Wildtierhaltungsverbot einzusetzen. Weiters solle sie die EU-Ratspräsidentschaft zum Anlass nehmen, ein derartiges Wildtierhaltungsverbot EU-weit durchzusetzen.

Das deutsche Parlament stimmte am 7. Februar ebenfalls mehrheitlich einem Antrag der Grünen zu, dass sich die deutsche Bundesregierung gegenüber der EU-Kommission dafür einsetzen soll, unser Wildtierverbot zu erhalten. Wörtlich endet die Erklärung des deutschen Parlaments: "Der Deutsche Bundestag erwartet wie die Tierschützerinnen und Tierschützer in allen Ländern der Europäischen Union, dass die Kommission sich im Sinne der Zielbestimmung Tierschutz des Verfassungsentwurfs verhält und die nationalen Bemühungen zum Schutz wild lebender Tiere respektiert und nicht auf tier- und artenschutzwidrige Haltungs- und Nutzungsformen beharrt."

Am 16. Februar wurde die neue EU-Dienstleistungsrichtlinie im EU-Parlament beschlossen. Nach langen Protesten gelang es durchzusetzen, dass sich die Dienstleistungs-AnbieterInnen statt an den Gesetzen ihres Heimatlandes an den Gesetzen des Gastlandes orientieren müssen, in dem sie die Dienstleistung anbieten. Auch dieser Beschluss unterstützte unsere Kampagne.

Während der EU-Kommissar McCreevy nur sehr zögerlich unsere Anfragen beantwortete und sich bis zuletzt weigerte, eine Tierschutzdelegation zu empfangen, zeigten seine spärlichen Antworten einen merkbaren Stimmungswandel. Anfangs waren sie noch sehr fordernd und überzeugt davon, dass das österreichische Gesetz fallen müsse, zuletzt glichen sie schon fast einer Entschuldigung, dass er ja aktiv werden musste, weil das seine Pflicht war, aufgrund der eingelangten Beschwerde. So wurde es immer deutlicher, dass die Tierrechtsbewegung diesen Konflikt gewinnen würde.

Am 30. März hielt die österreichische Tierschutzministerin den ersten Tierschutztag der EU in Brüssel ab. Das österreichische Bundestierschutzgesetz samt Wildtierhaltungsverbot in Zirkussen wurde vorgestellt und als vorbildlich beworben.

Am 12. April 2006 platzte dann die Bombe. EU-Kommissar McCreevy sagte öffentlich zum vorliegenden Verfahren: "Wir mussten dem Fall nachgehen, weil eine Beschwerde vorlag. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir die Angelegenheit bald ad acta legen können".

Nach Veröffentlichung dieser Aussagen gratulierten zahlreiche EU-Abgeordnete dem Kommissar zu seiner Entscheidung, das Verfahren einzustellen. Es sei nun deutlich geworden, dass Tierschutz in der EU ein sehr wesentlicher Wert geworden ist.

Am 12. Dezember 2006 wurde das Vertragsverletzungsverfahren von der EU-Kommission schlussendlich formal eingestellt. Das österreichische Verbot von Wildtieren in Zirkussen hat damit das von der EU-Kommission angestrengte Vertragsverletzungsverfahren unverändert überstanden.

Literatur

  • Elefanten-Schutz Europa EV 2000, Elefanten im Circus, Dokumentation.
  • Gsandtner Hermann et al. 1996, Richtlinien für die Haltung von Wildtieren in Zirkusunternehmen, Wiener Umweltanwaltschaft.
  • Johnson William 1994, Entzauberte Manege, rororo.
  • Kallab Alfred et al. 2001, Tierschutzrecht, Verlag Österreich.
  • Kiley-Worthington Marthe 1992, Animals in Circuses, BBC Wildlife Magazine.
  • RespekTiere 1997, Unfälle mit (Wild)tieren in Zirkusunternehmen, Wiener Umweltanwaltschaft.
  • Tierrechtsmagazin Lauffeuer, Schritt 3 vom Mai 1999 und Schritt 5 vom Jänner 2001.
 

© 1996-2012 Verein Gegen Tierfabriken - Impressum - Haftungsausschluss - log in

Druckversion: mit Bildern | nur Text  Seitenanfang