Detailinformation zum Tierzirkus
Ursprung und Geschichte des Tierzirkus
Der Zirkus, wie wir ihn heute kennen, hat seinen Urprung
in den Jahrmärkten des 17. Jahrhunderts, in denen
Gaukler, Seiltänzer, Feuerspucker und Jongleure zu
sehen waren, aber auch Abnormitätenkabinette mit
sogenannten „Sonderlingen der Natur“, in Wirklichkeit
körperlich mißgebildete Menschen und exotische
Tiere. Ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die reinen
Zur-Schau Stellungen der „Sonderlinge“ zu
langweilig, und der Mensch stieg als „Bezwinger
der ungebändigten Natur“ zu den Tieren in den
Käfig. Dabei wurden die Tiere absichtlich durch Lärm
und Peitschenknallen provoziert, um möglichst wild
und gefährlich zu wirken. Im Rahmen der Vorführung
wurden die „wilden Tiere“ dann unterworfen:
sie mussten dem Meister die Schuhe lecken oder sich vor
ihm niederducken.
Dieser künstlich-aufgebauschte Konflikt zwischen
Mensch und Natur fand in einem am 15. September 1885 in
New York, USA, arrangierten Zusammenstoss zwischen einem
Zug und einem Elefanten seinen symbolischen Höhepunkt:
der Zug entgleiste zwar, aber der Elefant starb an dem
Aufprall. Die Natur war durch den menschlichen Geist und
seine Technik bezwungen.
Ab dem 20. Jahrhundert konnte der künstlich dargestellte
Kampf zwischen Mensch und Wildtier im Zirkus niemanden
mehr beeindrucken: das Selbstbewußtsein der Menschheit
war schon zu groß. Der Ausgang dieses „Konflikts“
wurde selbstverständlich. So ging man dazu über,
das Wildtier als domestiziert und vermenschlicht zu präsentieren.
Die Wildtiere versuchen wie Menschen zu wirken, sind aber
dabei nur tolpatschig und hilflos, und erreichen natürlich
niemals menschliche Eleganz. Die Wildtiere werden als
Menschen verkleidet, verniedlicht, tanzen und singen,
spielen Musikinstrumente oder fahren Wasserschi, und werden
generell zur Lachnummer. Das vormals respekteinflössende
Wildtier wird zum Clown degradiert. Niemand fürchtet
sich mehr davor, alle lachen.
Das ist die Darstellungsform von Wildtieren im Zirkus
heute. Aber seitdem sich der Tierschutzgedanke ausbreitet,
der Respekt vor dem Tier fordert, und der das Tier in
seinem natürlichen Lebensraum erhalten will, und
nicht in fahrenden Wanderzirkussen als Sonderlinge der
Natur oder lächerliche Clowns, seitdem nehmen die
Zirkusse zunehmend Abstand von der Wildtierhaltung. Im
Jahr 1996 verkündete der ehemalige Österreichische
Nationalzirkus Elfi Althoff-Jacobi (Artisten-Tiere-Attraktionen),
daß er aus Tierschutzgründen keine Wildtiere
mehr führen wird. Der Zirkusdirektor Andy Lehner
bekam dafür 1999 den „Umweltlorbeer“.
Und die meisten Zirkusse in Österreich zogen nach.
Nur einige wenige anachronistische Ausnahmen, wie der
Österreichische Nationalzirkus Louis Knie sowie der
Zirkus Belly-Wien, bestanden bis zuletzt auf der Ausstellung
exotischer Wildtiere.
Herkunft und Dressur der Wildtiere im Zirkus
Die Herkunft der meisten Wildtiere im Zirkus ist schwer
nachzuvollziehen. Bevor noch strenge Artenschutzbestimmungen
erlassen wurden, gab es einen regen, unkontrollierten
Tierhandel. Viele der Opfer dieses Handels sind noch immer
in Zirkussen im Umlauf. Oft sind es Großwildjäger,
die die Tierkinder, deren Eltern bei der Großwildjagd
getötet worden sind, am Markt anbieten. Manche Zirkustiere
stammen aus Zoos, die gerne Tierkinder produzieren, um
Zuschauer anzulocken, diese Kinder aber als Jugendliche
möglichst rasch loswerden wollen – um für
die nächsten Kinder Platz zu machen. Heute müssen
allerdings Zirkus- und Zootiere in ihren CITES Papieren
verschiedene Deklarationen haben und können daher
nicht einfach „umgewidmet“ werden.
Über die Dressur von Zirkustieren ist gerade in
letzter Zeit viel bekannt geworden. Die Jungtiere kommen
zunächst in sogenannte Dressurfarmen. Tierschützer
hatten sich in verschiedenen Dressurfarmen in England
und Südafrika anstellen lassen und dabei die Gewalttätigkeiten
gefilmt. I.a. wird den Wildtieren zunächst der eigene
Wille durch ständige Schläge und brutal-enges
Anketten gebrochen. Wenn sie dann die uneingeschränkte
Macht der Menschen über sich anerkannt haben, beginnt
die Dressur. Den Tieren werden dann mit verschiedenen
Gewaltmitteln „Kunststücke“ aufgezwungen.
Die Dressur muß möglichst rasch gehen, und
muß auch von einem dem Tier unbekannten Menschen
wieder abrufbar sein. Deshalb ist das Mittel zur Dressur
immer Gewalt: Schläge, Elektroschocks, Aufziehen
am Kran, Niederfesseln.
Schon legendär sind die heißen Platten, auf
die Bären gestellt werden, um ihnen das Tanzen beizubringen.
Elefanten schlägt man, bis sie sich wie gewünscht
bewegen, oder bindet ihnen ihre Beine an einem Kran fest,
und zieht sie in die Höhe, um ihnen Kopfstand, Handstand
oder „Männchen machen“ einzubläuen.
Die Firma Nuova Electronica berichtet von speziellen Elektroschock-Geräten,
die sie für die Zirkustierdressur entwickelt hat.
Peitsche und Elefantenstock fehlt in keiner Dressurnummer.
Für die Elefanten gibt es auch Ohrenschlingen, die
sich unter Zug zusammenziehen und eine Metallspitze besitzen,
die sich den Elefanten hinter den Ohren in ihr Fleisch
bohrt.
Der Zirkus kauft dann das Tier samt seinen „Kunststücken“
von der Dressurfarm. Manchmal werden aber die Zirkustiere
auch zusammen mit dem Dompteur für eine Saison von
Zirkussen angemietet. Die sogenannten „Trainingseinheiten“,
die manche Zirkusse als „Beweis“ ihrer „sanften
Dressur“ vorzeigen, sind nur Wiederholungen.
Haltung der Tiere
„Wildtiere können im Zirkus nicht artgerecht
gehalten werden“ ist die Schlußfolgerung einer
wissenschaftlichen Studie im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft
aus dem Jahr 1996, u.a. mit Dr. Pechlaner als Autor. Selbst
Zirkusdirektor Louis Knie bestätigt diese Einsicht
in einem Interview mit einer Tageszeitung. Das beruht
in erster Linie auf dem Umstand, dass Wanderzirkusse notorisch
unter Platzmangel leiden. Deshalb werden nach einer Studie
Löwen und Tiger über 90% ihrer Zeit in Transportfahrzeugen
und Elefanten ähnlich lange an Fußketten gehalten.
Diese hochintelligenten Tiere werden durch den Mangel
an intellektueller Stimulation, an Sozialkontakt und an
Bewegungsmöglichkeit geistig schwer gestört.
Alle Zirkustiere zeigen monotones Kopfwackeln oder ähnliche
Stereotypien. Beim lebenslangen Tiertransport von Aufführungsort
zu Aufführungsort verbringen die Wildtiere die meiste
Zeit in engen Transportfahrzeugen bzw. Transportbehältern
oder bei der Verladung unter Streß. Die Zirkuswelt
ist dauernd hektisch, dauernd in Bewegung. Am meisten
leiden darunter die Schwächsten, die Tiere.
Der Zirkusexperte William Johnson schreibt in seinem
Buch „Verzauberte Manege“: „Solange
es Zirkussen erlaubt ist, Tiere zu Unterhaltungszwecken
in der Welt herumzukarren, werden Großkatzen und
Bären in Käfigen untergebracht sein, die klein
genug für den Transport sind, und Elefanten werden
den größten Teil ihres Lebens in Ketten verbringen
müssen.“
Ohne für viele Zuschauer unmittelbar zu erkennen,
sind aber auch die meisten Kunststücke der Wildtiere
selber eine Tierquälerei. So ist es ein nicht-zumutbarer
Streß für Hyänen, wenn sie mit ihren Freßfeinen,
den Löwen, gleichzeitig in der Manege auftreten müssen.
Und wenn Tiger durch brennende Reifen springen müssen,
so können sie ihre Angst nur durch die größere
Angst vor Peitsche und Elektroschokgerät ihrer Trainer
überwinden. Und wenn Elefanten Kopf- oder Handstände
machen müssen, oder auf den Hinterbeinen stehen,
wie in allen Zirkussen mit Elefanten üblich, dann
ist das ebenso Tierquälerei. Das Gewicht der Elefanten
ist nämlich so groß, dass es nicht nur mit
den Vorder- oder Hinterbeinen getragen werden kann, ohne
gesundheitliche Schäden in den Gelenken oder an den
Füssen zu bekommen.
„Tiere, die eine andauernde Abneigung dagegen haben,
in die Manege zu gehen, oder Tiere, die nicht den Beifall
des Publikums finden oder sich nicht daran gewöhnen
können aufzutreten, werden getötet.“,
schreibt die Verhaltensforscherin Kiley-Worthington in
ihrem Bericht.
Elefanten haben ein viel grösseres Gehirn als Menschen.
Sie sind sehr intelligente Tiere, die in einem starken
Sozialgefüge leben und zu komplexer Kommunikation
fähig sind. Die Familien sind in lose zusammenhängenden
Gruppen unter einer Matriarchin organisiert, die aber
nicht despotisch regiert, sondern nur führt, und
vor allem in Notsituationen beisteht, wie z.B. bei Naturkatastrophen,
in Dürreperioden oder bei der Geburt. Daher ist Elefanten
das Leben unter einem sie dauernd dominierenden Individuum,
wie im Zirkus der Dompteur, völlig fremd und unerträglich.
Unfälle mit Zirkustieren
Wenn große, starke und potentiell gefährliche
Wildtiere schlecht gehalten und mißhandelt werden,
dann verwundert es nicht, wenn es regelmässig zu
Unfällen kommt. Seit 1998 gab es allein in Österreich
4 Verletzungen von Menschen durch Zirkustiere, einmal
trampelte eine Kamel auf einen kleinen Buben, zweimal
Biß ein Affe Kinder und im Juli 1998 hob ein Elefant
des Zirkus Belly-Wien einen Tierschausbesucher über
die Absperrung und zerdrückte ihm den Brustkorb.
Der Mann war lebensgefährlich verletzt und mußte
auf der Intensivstation in künstlichen Tiefschlaf
versetzt werden.
Aus der Zeit zwischen 1970 und 1997 sind insgesamt 32
Fälle bekannt, bei denen in Österreich Menschen
durch Zirkustiere verletzt wurden. Beim schwersten Fall
wurde im Juni 1984 in Bad Gastein in Salzburg der marokkanische
Wärter des Elefanten Madura des Zirkus Knie von diesem
Elefanten während einer Probeaufführung getötet.
Im Juli 1997 besichtigte ein Mann mit seinen zwei Kindern
die Elefantenkuh eines Wanderzirkus in Schörfling,
Oberösterreich, wurde dabei von dem Tier attackiert
und schwer verletzt.
Weltweit wurden zwischen 1990 und 2000 insgesamt 50 Unfälle
mit Elefanten und 32 Unfälle mit Großkatzen
bekannt, die zusammen in 18 Fällen mit dem Tod eines
Menschen geendet haben. Zumeist waren die Angegriffenen
die Trainer der Tiere.
Tierrechts-Kampagnen gegen Tierzirkusse
Weltweit gibt es Kampagnen von Tierrechtsseite gegen
Wildtiere im Zirkus. In einigen Ländern konnten Wildtierzirkusse
bereits verboten werden, so z.B. in vielen Provinzen Englands,
in Skandinavien und in Israel. Erst kürzlich wurde
bekannt, dass auch Brasilien ein Wildtierzirkusverbot
erlassen hat.
In Österreich gibt es rund 10 Zirkusse. Die meisten
davon hatten schon 1996 keine Wildtiere mehr. Neben dem
Zirkus Pickhard mit einer Riesenschlange, blieben 1996
nur 3 Zirkusse mit Wildtieren übrig: der Golden Circus
mit 2 Tanzbären, der Österreichische Nationalzirkus
Louis Knie mit einer großen Tiermenagerie mit Großwildtieren
wie Hyänen, Bären, Löwen, Tigern und Elefanten,
und der Zirkus Belly-Wien mit Elefanten. Zusätzlich
zu diesen österreichischen Zirkussen besuchen natürlich
auch ausländische Zirkusse mit Wildtieren regelmässig
Österreich.
Golden Circus
Der kleine Golden Circus mit seinen 2 Tanzbären
machte es jedem Besucher, der bereit war hinzusehen, sofort
offensichtlich, wie schlecht es den beiden Bären
ging: sie hatten Nasenringe, waren in einem winzigen Käfig
eingesperrt, und vertrauenswürdige Zeugen erzählten
uns von der Brutalität, mit der sie behandelt worden
sind. Auf die Aufklärungskampagne des VGT reagierte
der Golden Circus fast überhaupt nicht. Im November
1999 ging der Golden Circus bankrott, konnte aber bis
Juni 2000 weitere Aufführungen machen. Danach wurden
die beiden Bären ins Bärenasyl in Arbesbach
übersiedelt.
Österreichischer Nationalzirkus Louis Knie
Schon im Jahr 1996 reagierte der Zirkus sofort mit Gewalt.
Ein VGT-Aktivist hatte in der Tierschau des Zirkus ausführlich
gefilmt, um die Kampagne des VGT gegen Wildtierzirkusse
vorzubereiten. Das passte dem Zirkusdirektor Louis Knie
aber nicht, und so schlug er dem Aktivisten ins Gesicht,
wofür er auch gerichtlich verurteilt wurde.
„Brutal zu Menschen – brutal zu Tieren“.
Aufgrund der Ähnlichkeit von Menschen und Tieren
hat auch die Kriminalpsychologie längst einen Zusammenhang
zwischen Gewalttaten gegen Menschen und Gewalttaten gegen
Tiere nachgewiesen. Und so verwundert es nicht, dass der
Zirkus Knie zunächst mit größter Gewalt
auf die Aufklärungskampagne des VGT reagierte. In
verschiedenen Städten wurden AktivistInnen angegriffen,
geschlagen und verletzt. Erst als diese Gewaltakte nichts
fruchteten und eher negative Schlagzeilen brachten, wechselte
die Strategie des Zirkus.
In den Jahren 1998 und 1999 versuchte es der Zirkus mit
Klagen wegen Geschäftsschädigung und Unterlassungsklagen
wegen angeblicher Besitzstörung. Und zusätzlich
intervenierte der Zirkus bei der Wiener Veranstaltungsbehörde,
um öffentliche Informationsveranstaltungen des VGT
zum Thema Zirkustiere untersagen zu lassen. Zuletzt setzte
sich aber das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung
gegen die Zensurforderungen des Zirkus durch.
So verlegte sich der Zirkus im Jahr 2000 wieder auf Gewalt:
im März 2000 wurden AktivistInnen des VGT zunächst
in Krems und dann in Tulln von Zirkusangestellten, allen
voran die Zirkusdirektoren Louis Knie jun. und sen., angegriffen
und schwer verletzt. Bei diesem Angriff zerstörten
die Zirkusleute systematisch das gesamte Material der
AktivistInnen, wie TV-Gerät, Stromgenerator, Videorecorder,
Transparente und Plakate. Einige Zeit später überwies
der Zirkus 100.000 Schilling (ca. € 7.000) an Schadenersatz
und Schmerzensgeld an den VGT. Beim Strafprozess gegen
die Haupttäter gab es Freisprüche mangels Beweis.
Das Gericht anerkannte zwar, dass die Zirkusleute die
AngreiferInnen waren, aber es konnte nicht genau nachgewiesen
werden, wer für welchen Übergriff verantwortlich
ist.
Am 21. Dezember 2001 ging dann auch der Österreichische
Nationalzirkus Louis Knie bankrott. Allerdings kaufte
eine Gruppe von Gönnern den Zirkusbestand auf und
so konnte der Zirkus im nächsten Jahr weitermachen
wie bisher. Dar VGT hatte zusammen mit anderen Tierschutzvereinen
fast 1 Million Schilling (ca. € 70.000) für
die Übernahme der rund 70 Tiere geboten – ohne
Erfolg. Immerhin musste der Zirkus Knie im Jahr 2001 aufgrund
der Gefahr der Maul- und Klauenseuche ohne große
Wildtiere auskommen. Aber die neuen Besitzer gaben bereits
öffentlich bekannt, im nächsten Jahr wieder
neue Raubtiere und Elefanten ankaufen bzw. anmieten zu
wollen. So kamen einmal neue Wildtiere dazu – und
der VGT demonstrierte wieder und brachte die Tierhaltung
zur Anzeige – dann wurde die Tierhaltung wieder
aufgegeben.
Trotz dem seit 1. Jänner 2005 in Kraft getretenem
Verbot von Wildtieren in Zirkussen tourte der Zirkus Knie
sen. ab 12. März 2005 aber wieder mit Wildtieren
durch Österreich. Trotz unzähliger Anzeigen
seitens des VGT konnte der Zirkus aber nicht belangt werden,
da er ständig seinen Ort wechselte und die Behörden
zu langsam agierten. Ende Mai bekam der Zirkus noch zusätzlich
Schützenhilfe durch einen Brief aus dem Tierschutzministerium.
Mit dieser "Sondergenehmigung - das Ministerium vertrat
offenbar die Rechtsmeinung, dass es sich bei einigen der
mitgeführten Wildtiere um private Haustiere von ArtistInnen
handelte bei anderen seien Übergangsbestimmungen
anzuwenden - gelang es dem Zirkus bis August 2006 unverändert
mit seinen Wildtieren weiterzutouren. Erst am 17. August
wurde die Tierhaltung erstmals offiziell untersagt und
in Folge ein Strafbescheid ausgestellt. Am 31. August
ging der Zirkus nachdem ihm Genehmigungen für weitere
Aufführungen nicht erteilt worden waren, neuerlich
bankrott. Die Wildtiere wurden von der Gläubigerbank
im September 2005 an den deutschen Zirkus Lana verkauft
und außer Landes gebracht.
Es waren mehr als 100 Anzeigen in neun Monaten notwendig
gewesen, um die Behörden dazu zu bewegen, das Wildtierverbot
tatsächlich durchzusetzen.
Zirkus Belly-Wien
Der letzte österreichische Zirkus mit Großwildtieren
war der Zirkus Belly-Wien. Er hatte 2 Elefanten, die erst
1997 eingekauft worden waren. Einer dieser Elefanten ist
für den lebensgefährlichen Angriff auf einen
Zirkusbesucher im Juli 1998 verantwortlich. Im Jahr 2000
wurde bekannt, dass der Zirkusdirektor Zinnecker einen
weiteren Elefanten illegal einführen wollte. Die
Polizei versuchte dies zu verhindern, aber der Zirkusdirektor
entzog sich den Behörden durch Flucht nach Deutschland.
Ab September 2001 informieren AktivistInnen des VGT auch
die BesucherInnen des Zirkus Belly-Wien über die
Situation der Tiere im Zirkus. Aber Direktor Zinnecker
und seine Zirkusleute reagierten mit größerer
Gewalt als jeder andere Zirkus zuvor: in Salzburg und
Bad Ischl schlugen sie mit lebensgefährlicher Gewalt
auf die friedlichen TierrechtlerInnen ein. Insgesamt 12
wurden schwer verletzt. Wieder wurde ein beträchtlicher
Sachschaden an VGT-Eigentum angerichtet. Obwohl die angreifenden
Zirkusleute – wie bei solchen Angriffen üblich
– versucht hatten, alle Filmkameras der TierrechtlerInnen
zu zerschlagen, gelang es einem 10 jährigen Passanten
heimlich den Angriff mitzufilmen. Am nächsten Tag
strahlten die meisten Sender das Filmmaterial aus. Eine
strafrechtliche Klage, sowie eine entsprechende Zivilklage
für Schmerzensgeld und den angerichteten Sachschaden,
wurden eingereicht. Den Behörden ist der Zirkusdirektor
Zinnecker kein Unbekannter: im Jahr 1990 hatte er Gendarmen
mit Fäusten niedergeschlagen und konnte nur durch
einen Warnschuss von weiteren Gewalttaten abgehalten werden.
Nachdem die Staatsanwaltschaft die Anzeigen niedergelegt
hatte, stellten wir Strafantrag, sodass die Angreifer
eben auf Kostenrisiko des VGT verfolgt wurden. So kam
es letztendlich doch zu Schuldsprüchen: Am 13. Juli
2003 wurde der Zirkusdirektor Roman Zinnecker wegen vorsätzlicher
Körperverletzung zu € 1000 Strafe verurteilt.
Am 17. Juli 2004 kam es zum Prozess gegen seinen Komplizen
Thomas Kasper, bei dem dieser auch wegen vorsätzlicher
Körperverletzung, allerdings nur zu € 80 bedingt,
verurteilt wurde.
Vertragsverletzungsverfahren
gegen Österreich
Weil im Jahr 2005 einigen deutschen Zirkussen mit Tigern
und Elefanten aufgrund ihrer Wildtiere die Einreise nach
Österreich verwehrt wurde, beschwerten sie sich bei
der EU-Kommission. In einem Mahnschreiben des EU-Kommissars
für den Binnenmarkt, Charlie McCreevy, an Österreich
vom 12. Oktober 2005 wurde moniert, dass das österr.
Wildtierverbot im Zirkus die EU-Dienstleistungsfreiheit
unzulässig einschränke.
Die EU-Kommission wollte, dass Österreich sein Wildtierhaltungsverbot
im Zirkus dahingehend abändert, dass es nur mehr
für österreichische aber nicht mehr für
ausländische Zirkusse gilt. Die Dienstleistungsfreiheit
würde bedeuten, dass ein Dienstleister wie ein Zirkus,
der in einem Land seine Dienstleistung anbieten darf,
in jedem anderen Land der EU ohne Behinderung dieselbe
Dienstleistung anbieten können muss. Nun verbietet
ja das Wildtierhaltungsverbot nicht Zirkusvorführungen
generell, sondern verlangt nur, dass ein Zirkus nicht
Wildtiere mitführen und/oder sie auftreten lassen
darf. Allerdings meinte die EU-Kommission, dass das für
einen ausländischen Zirkus in Österreich eine
unzumutbare Einschränkung seiner Tätigkeit wäre.
Tierschutz wäre zwar ein wichtiger Wert in der EU,
aber ein komplettes Wildtierhaltungsverbot würde
über das Ziel Tierschutz hinausgehen. Der Schutz
der Wildtiere im Zirkus wäre auch schon durch eine
Haltungseinschränkung zu erreichen.
Der VGT begann daraufhin eine intensive EU-weite Kampagne
und präsentierte am 20. Dezember 2005 eine eigene
Webseite (www.vgt.at/circus.php) in verschiedenen EU-Sprachen,
die automatische Protestemails an die zuständigen
Stellen ermöglichte und bis ins Detail über
die Situation informierte. Anfang April 2006 hatten bereits
über 20.000 Personen aus ganz Europa die Möglichkeit
genutzt, von der VGT-Webseite aus ein Protestemail abzuschicken.
Durch die intensive internationale Lobby-Arbeit im EU-Parlament,
mit der großen Unterstützung praktisch aller
Tierschutz- und Tierrechtsvereine in der EU, gab es eine
Protestwelle, die ihresgleichen sucht. Der SPÖ-Europaabgeordnete
Jörg Leichtfried betonte am 13. Dezember bei einer
Rede vor dem anwesenden EU-Kommissar McCreevy, dass der
Schutz und das Wohlergehen der Tiere im Vordergrund stehen
müssen. Mit dem Wildtierhaltungsverbot nimmt Österreich
also eine Vorreiterrolle im Tierschutz ein. Insgesamt
wurden 4 kritische Anfragen an die EU-Kommission (am 23.
November von der SPE, am 6. Dezember von der EU-Abgeordneten
Karin Resetarits, am 5. Jänner von holländischen
und am 12. Jänner von englischen EU-Abgeordneten)
und eine weitere am 9. Dezember von einem deutschen EU-Abgeordneten
an den EU-Rat gestellt. Zahllose Proteste von Tierschutz-
und Tierrechtsvereinen aus allen Ländern haben die
EU-Kommission überschwemmt.
Mitte Jänner 2006 antwortete das Gesundheitsministerium
an die EU-Kommission. Nach Angaben aus dem Ministerium
wurde dabei unser Tierschutzgesetz verteidigt und argumentiert,
dass es eine zulässige Einschränkung der Dienstleistungsfreiheit
sei.
Am 25. Jänner brachten die Grünen einen Entschließungsantrag
im Parlament ein, der mehrheitlich befürwortet wurde.
Er verpflichtet die Regierung dazu, sich für das
Wildtierhaltungsverbot einzusetzen. Weiters solle sie
die EU-Ratspräsidentschaft zum Anlass nehmen, ein
derartiges Wildtierhaltungsverbot EU-weit durchzusetzen.
Das deutsche Parlament stimmte am 7. Februar ebenfalls
mehrheitlich einem Antrag der Grünen zu, dass sich
die deutsche Bundesregierung gegenüber der EU-Kommission
dafür einsetzen soll, unser Wildtierverbot zu erhalten.
Wörtlich endet die Erklärung des deutschen Parlaments:
"Der Deutsche Bundestag erwartet wie die Tierschützerinnen
und Tierschützer in allen Ländern der Europäischen
Union, dass die Kommission sich im Sinne der Zielbestimmung
Tierschutz des Verfassungsentwurfs verhält und die
nationalen Bemühungen zum Schutz wild lebender Tiere
respektiert und nicht auf tier- und artenschutzwidrige
Haltungs- und Nutzungsformen beharrt."
Am 16. Februar wurde die neue EU-Dienstleistungsrichtlinie
im EU-Parlament beschlossen. Nach langen Protesten gelang
es durchzusetzen, dass sich die Dienstleistungs-AnbieterInnen
statt an den Gesetzen ihres Heimatlandes an den Gesetzen
des Gastlandes orientieren müssen, in dem sie die
Dienstleistung anbieten. Auch dieser Beschluss unterstützte
unsere Kampagne.
Während der EU-Kommissar McCreevy nur sehr zögerlich
unsere Anfragen beantwortete und sich bis zuletzt weigerte,
eine Tierschutzdelegation zu empfangen, zeigten seine
spärlichen Antworten einen merkbaren Stimmungswandel.
Anfangs waren sie noch sehr fordernd und überzeugt
davon, dass das österreichische Gesetz fallen müsse,
zuletzt glichen sie schon fast einer Entschuldigung, dass
er ja aktiv werden musste, weil das seine Pflicht war,
aufgrund der eingelangten Beschwerde. So wurde es immer
deutlicher, dass die Tierrechtsbewegung diesen Konflikt
gewinnen würde.
Am 30. März hielt die österreichische Tierschutzministerin
den ersten Tierschutztag der EU in Brüssel ab. Das
österreichische Bundestierschutzgesetz samt Wildtierhaltungsverbot
in Zirkussen wurde vorgestellt und als vorbildlich beworben.
Am 12. April 2006 platzte dann die Bombe. EU-Kommissar
McCreevy sagte öffentlich zum vorliegenden Verfahren:
"Wir mussten dem Fall nachgehen, weil eine Beschwerde
vorlag. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir die Angelegenheit
bald ad acta legen können".
Nach Veröffentlichung dieser Aussagen gratulierten
zahlreiche EU-Abgeordnete dem Kommissar zu seiner Entscheidung,
das Verfahren einzustellen. Es sei nun deutlich geworden,
dass Tierschutz in der EU ein sehr wesentlicher Wert geworden
ist.
Am 12. Dezember 2006 wurde das Vertragsverletzungsverfahren
von der EU-Kommission schlussendlich formal eingestellt.
Das österreichische Verbot von Wildtieren in Zirkussen
hat damit das von der EU-Kommission angestrengte Vertragsverletzungsverfahren
unverändert überstanden.
Literatur
- Elefanten-Schutz Europa EV 2000,
Elefanten im Circus, Dokumentation.
- Gsandtner Hermann et al. 1996, Richtlinien
für die Haltung von Wildtieren in Zirkusunternehmen,
Wiener Umweltanwaltschaft.
- Johnson William 1994, Entzauberte
Manege, rororo.
- Kallab Alfred et al. 2001, Tierschutzrecht,
Verlag Österreich.
- Kiley-Worthington Marthe 1992, Animals
in Circuses, BBC Wildlife Magazine.
- RespekTiere 1997, Unfälle
mit (Wild)tieren in Zirkusunternehmen, Wiener Umweltanwaltschaft.
- Tierrechtsmagazin Lauffeuer, Schritt
3 vom Mai 1999 und Schritt 5 vom Jänner 2001.
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