Interview mit Tom Regan:
Auf das junge Gemüse kommt es an
Prof. Regan ist seit über 20 Jahren
Professor für Philosophie an der Universität
von North Carolina State. Er hat für seine zahlreichen
Publikationen zu den Themen von Ethik, Moral und Religionsphilosophie
diverse Auszeichnungen erhalten. Sein wichtigstes Werk
zum Thema Tierrechte ist das 1983 erschienene Werk "The
Case for Animal Rights", das nächstes Jahr auch
auf deutsch erscheinen wird.
Matthias Boller (www.tierrechte.de)
sprach mit Tom Regan über seine Einschätzung
der gegenwärtigen und zukünftigen Situation
der Tierrechtsbewegung in den USA.
Matthias Boller:
In Deutschland hat die Tierrechtsbewegung derzeit
keinen leichten Stand. Sie sucht nach neuen Aktionsformen
und Perspektiven. Wie sieht es in den USA mit der Umsetzung
Konzepte der Tierrechte aus?
Tom Regan:
Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt einerseits auf
den Personenkreis an, der angesprochen wird, und andererseits
auf die Art und Weise, wie die Idee der Tierrechte präsentiert
wird. Kürschner oder Fleischverarbeiter verhalten
sich natürlich feindselig, weil unsere Botschaft
ihre Arbeitsgrundlagen in Frage stellt. Jeder unserer
Erfolge ist für sie ein Verlust. Ihnen wäre
es am liebsten, wenn es uns nicht gäbe und alles
so bliebe, wie es ist.
Was die Öffentlichkeit im Allgemeinen betrifft,
ist die Einstellung gegenüber den Tierrechten ebenfalls
verschieden. Es ist einfach, mit dem Finger auf andere
Leute zu zeigen und zu sagen: »Was du tust, ist
falsch.« Es ist viel schwerer, mit dem Finger auf
sich selbst zu zeigen und zu sagen: »Auch das, was
ich tue, ist falsch.« Beispielsweise verzichten
viele Leute auf Pelz und glauben, dass das Geschäft
mit Pelztieren fürchterlich ist.
Aber dieselben Leute denken nicht über das den Verzehr
von Fleisch, obwohl die Tiere, die für die menschliche
Ernährung gezüchtet und geschlachtet werden,
sicher genauso schlecht behandelt werden wie die Tiere,
die für die Mode geopfert werden.
Insgesamt würde ich sagen: Die Menschen unterstützen
die Tierrechte umso mehr, je weniger sie Konsequenzen
für ihre eigenen, alltäglichen Entscheidungen
fürchten müssen. Wenn sie durch ihre eigene
Lebensführung mitverantwortlich für die Ausbeutung
von Tieren sind, werden sie auch nicht für die Durchsetzung
der Tierrechte sein.
Sieht die Situation bei jungen Leuten anders aus?
Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich keinen Unterschied
bei den Reaktionen junger Leute sehen würde, wäre
ich extrem pessimistisch, was die Zukunft betrifft. Aber
ich sehe einen Unterschied, und er ist groß genug,
um mich optimistisch zu stimmen.
Könnten Sie das genauer erklären?
Die jungen Leute, auf die ich mich beziehe, sind in
einem Alter, in dem sie entscheiden wollen, wer sie sind,
mit welchen Werten, mit welchen Lebensweisen und mit welchen
Überzeugungen sie sich identifizieren wollen. Sie
haben in ihrem Leben einen Punkt erreicht - und verschiedene
Menschen erreichen diesen Punkt zu verschiedenen Zeiten,
wir reden also nicht über ein bestimmtes Alter -,
an dem sie erkennen, dass vieles von dem, was sie gelernt
haben, nur aus der Perspektive ihrer Kultur betrachtet
wurde und dass dieselben Dinge in anderen Kulturen völlig
anders gesehen werden. Die für die Definition ihres
Ichs entscheidende Frage lautet dann: »Was sollte
ich aus meiner Kultur als meine eigene Sichtweise übernehmen,
und was sollte ich ablehnen?« Genau zu diesem Zeitpunkt
kann die Idee der Tierrechte einen dramatischen Einfluss
haben. Schließlich ist unsere Kritik an der Behandlung
von Tieren im Grunde nichts anderes als eine grundsätzliche
Kritik an der Gesellschaft, in der so etwas passiert.
Die Art, in der wir mit Tieren umgehen, ist ein Symptom
einer grundlegenden, systemischen Krankheit unserer Kultur.
Erinnern Sie sich daran, dass Gandhi sagte: »Man
kann eine Kultur daran messen, wie sie die Tiere behandelt«.
Wie so oft, hat Gandhi auch hier genau den Punkt getroffen.
Wie könnte eine Botschaft an diese jungen Leute
lauten?
Die Botschaft ist: Wir haben bessere Werte zu bieten
als Ronald McDonald, nämlich Werte des Mitgefühls
und des Respekts. Hört uns an, ohne Vorurteile und
mit einem offenen Geist. Dann trefft eure eigene Entscheidung.
Wird es den Tag geben, an dem alle Formen der Ausbeutung
der Tiere abgeschafft sind?
Ja, ohne Zweifel. Allerdings nicht zu meinen Lebenszeiten
- etwas anderes zu sagen, wäre nicht ehrlich. Aber
es wird ohne Zweifel so kommen. Ich glaube fest daran,
dass die Philosophie der Tierrechte die Wahrheit auf ihrer
Seite hat, und ich glaube fest, dass diese Philosophie
sich langfristig durchsetzen wird - wenn wir unsere Anstrengungen
fortsetzen.
Wo sehen Sie kurzfristige Ziele? Ist es möglich,
den Weg zur Abschaffung der Ausbeutung von Tieren Schritt
für Schritt zu gehen?
Ich stelle mir die Ausbeutung der Tiere in einem Bild
vor - als eine Mauer, die ihre Opfer niederdrückt.
Unser Ziel ist es, die Wand einzureißen - und welchen
besseren Ort für dieses Bild kann es geben als Berlin?
Auch wenn es nicht in unserer Macht liegt, dieses Ziel
heute zu erreichen, können wir mit dem Abriss der
Mauer beginnen - Stein für Stein.
Was bedeutet das konkret?
Wir können bestimmte Formen der Ausbeutung zu beenden
- und zwar vollständig. Zum Beispiel können
wir dafür sorgen, dass es keine Tierversuche in der
Sucht- oder in der Rüstungsforschung mehr gibt, dass
Pelztierfarmen abgeschafft werden oder die Verwendung
von Tieren in Zirkussen beendet wird. Wenn der Rauch sich
verzogen hat, können wir sagen, dass wir etwas geschafft
haben - auch wenn nicht alle Probleme gelöst wurden.
Diese ersten Schritte zur Beendigung der Ausbeutung von
Tieren können wir gehen - diese Steine der Mauer
können auch während meines Lebens abgetragen
werden.
Gibt es in den USA Aktivitäten in dieser Richtung?
Ich sehe die Möglichkeit für entsprechende
Kampagnen. Es gibt heute ein großes Problem: Die
Unfhigkeit der großen Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen,
zusammen zu arbeiten. Jeder konkurriert gegen jeden, um
Unterstützung und um die Aufmerksamkeit der Medien.
Es ist keine Frage, dass alle diese Organisationen etwas
Gutes tun. Aber wie steht es um die Perspektive, durch
Kooperation noch größere Ziele zu erreichen?
Das Potential dafür ist da, doch es bleibt weitgehend
ungenutzt.
Welche Rolle spielen dabei die typisch amerikanische
Aktionsform des »Grassroots Activism«?
Es gibt sie noch, aber sie hat nicht mehr dieselbe Kraft
wie vor zehn oder fünfzehn Jahren. Ich mag mich irren,
aber ich habe den Eindruck, dass heute das Pendel in die
andere Richtung schwingt. Es gab in der Vergangenheit
sehr viel mehr Energie, mehr Schwung, eine bessere Konzentration
und konkretere Orientierung auf bestimmte Ziele hin. Aktivisten
kamen und gingen wieder.
Man könnte sagen: Gestern waren sie noch motivierte
Mitstreiter, heute ist davon nichts mehr zu spüren
- als ob ihr Engagement nie existiert hätte. Das
ist ein sehr reales Problem unter den Aktiven in Amerika
- und es scheint, dass sich niemand ernsthaft damit auseinandersetzt
oder Lösungsmöglichkeiten entwickelt.
Trifft das nur auf die Tierrechtsbewegung zu?
Nein, keinesfalls, und das ist wichtig. Wir sind heute
alle zu sehr in der Gegenwart gefangen, um die Entwicklung
überblicken und die Gründe dafür verstehen
zu können. Zweifellos befindet sich die gesamte Bewegung
für soziale Gerechtigkeit derzeit auf einem Tiefpunkt
- sowohl das die Anzahl der Aktiven betrifft als auch
ihre Energie. Deshalb sind die jungen Menschen so wichtig
für die Kraft und Vitalität unserer Bewegung
- und für jede soziale Bewegung wie die unsere.
Wir sollten also unser Augenmerk vor allem auf die
jungen Leute richten?
Genau. Wenn die Idee der Tierrechte eine Zukunft hat,
liegt sie in ihrer Hand. So einfach ist das. Und auch
so kompliziert.
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