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Der
Kulturkampf um die UNESCO-Kulturerbeliste
Ein Tier, welches vor johlendem Publikum
zu Tode gemartert wird, mit Lanzen,
Spießen, Messern so lange massakriert
wird, bis es tot zusammenbricht: das
ist der traurige Kern, das schlichte
Wesen des Stierkampfs – ein archaischer
„Brauch“ und eine „Tradition“, die
viele Menschen vor ein Rätsel stellt:
Wie konnte sich diese kulturelle Barbarei
bis ins 21.Jahrhundert erhalten, und
noch heute stetig Heerscharen fanatischer
und einflussreicher Fürsprecher für
sich gewinnen?
Der
Stierkampf ist ein knallhartes Geschäft,
alleine in Spanien hängen an der Schreckensbranche
70.000 Arbeitsplätze und der Jahresumsatz
beläuft sich alleine hier auf schätzungsweise
1,5 Milliarden Euro, darunter auch immense
Subventionen nationalstaatlichen Zuschnitts
sowie auch durch die EU.
Es
existiert reichhaltiges Dokumentations-
und Anschauungsmaterial über die Realität
des Stierkampfes, das sich über die letzten
Jahrzehnte – ja Jahrhunderte - angesammelt
hat, es gibt zahllose - darunter auch
ganz aktuelle - authentische Filme, Fotos,
Berichte; darüber hinaus ebenso beredte
wie kompetente Zeugnisse und Stellungnahmen
von WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen,
TierrechtlerInnen, AnwältInnen, TierärztInnen,
AnthropologInnen, PhilosophInnen, SchriftstellerInnen,
KünstlerInnen, JournalistInnen, BiologInnen,
die sich nüchtern und objektiv mit dem
urtümlichen Brauch auseinandergesetzt
haben und auf Basis dieser sachlichen
Auseinandersetzung mit dem Thema zu vehementen
KritikerInnen oder zumindest SkeptikerInnen
wurden.
Verständlich,
dass in der Stierkampfszene und den zugehörigen
Lobbys Panik ausbricht. Die Stierqual-Profiteure
und -Lobbyisten fürchten vor allem, dass
die mit dem Stierkampf verbundenen Einnahmequellen,
einschließlich staatlicher Subventionen,
versiegen könnten. Denn die Tauromachie,
wie die blutigen Gemetzel verharmlosend
genannt werden, ist ein sehr lukratives
Business.
Einführung
der UNESCO-Kulturerbe Konvention 2003
Die
UNESCO hat am 29. September 2003 in Paris
bei ihrem 32. Treffen die Konvention
für den Schutz des immateriellen Kulturerbes
beschlossen.
VertreterInnen
der Erhaltung des Stierkampfs witterten
bald ihre Chance, der wachsenden Bewegung
gegen den Stierkampf auf dieser neuen
Ebene entgegen zu wirken.
Schon
im Jahre 2005 forderte die Asociación
Internacional de Tauromaquia (AIT), dass
der Stierkampf zum Weltkulturerbe erklärt
wird. Dieser erste Antrag wurde abgelehnt.
Seitdem arbeitet die Stierkampflobby,
die sich inzwischen weltweit zusammengeschlossen
hat, intensiv an dem Projekt “Proyecto
Tauromaquia de la UNESCO”, um zu erreichen,
dass der Stierkampf als Immaterielles
Kulturerbe unter den Schutz der UNESCO
gestellt werde.
Der
mächtige spanische Stierkampf-Dachverband
„Mesa del Toro“, der die Lobbying-Kampagne
bei der UNESCO uneingeschränkt unterstützt,
ist so einflussreich, dass ihm 2008 gestattet
wurde, im Europäischen Parlament für
die „schützenswerte Tradition“ (so die
Sicht der Stierkampfbefürworter) bzw.
„Kulturschande“ (Sicht der Stierkampfgegner)
des Stierkampfs bei den Abgeordneten
zu werben. Am 4. und 5. Juli 2008 zog
der Stierkampf ins EU-Parlament ein.
Es fand die Ausstellung “Entre hombre
y toro” („Zwischen Mann und Stier“) statt.
Selbstverständlich
fand angesichts dieser unverfrorenen
Propaganda auch eine Gegenveranstaltung
der StierkampfgegnerInnen mit internationaler
Beteiligung vor dem Parlament statt.
Laut Angaben der Stierkampflobbyisten
wurde die Ausstellung von den europäischen
ParlamentarierInnen sehr gut aufgenommen,
“…so dass die Chancen für einen Eintrag
als Weltkulturerbe der UNESCO sehr gut
stehen.”
Möglich
sind derartige aufwendige Lobbyingauftritte
auch dank großzügigen „Freunden“ und
Sponsoren, darunter vermögende Viehzüchter
und Industrielle.
Spanische
Stierkampforganisation bereitet Antrag
für UNESCO vor
Ein
weiterer Anlauf erfolgte im Herbst vorigen
Jahres. Im Oktober 2009 hat die spanische
Stierkampforganisation Mesa del Toro
offiziell die andalusische Regionalregierung
ersucht, mit anderen spanischen autonomen
Regionen zusammen die spanische Regierung
aufzufordern, die notwendigen Schritte
einzuleiten, um den Stierkampf durch
die UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe
schützen zu lassen. Die französische
Stierkampf-Webseite „Terres Taurines“
berichtete, dass in Frankreich und in
sechs weiteren Stierkampfländern ebenfalls
die Regierungen aufgefordert werden sollen,
den Antrag bei der UNESCO zu stellen.
Nachdem
die autonome Gemeinschaft Madrid - die
Region Madrid also - den Stierkampf zum
“Bien de Interes Cultural”, zum regionalen
Kulturerbe erklären lassen wollte, haben
kurz darauf auch andere Autonomien Spaniens
- Murcia, Valencia, Andalusien und Navarra
ähnliche Pläne verkündet.
Französische
Stierkampfstädte kündigen Antrag für
UNESCO-Weltkulturerbe an
Im
Dezember 2009 beschloss die „Generalversammlung
der französischen Stierkampfstädte“,
Maßnahmen ergreifen zu wollen, um den
Stierkampf von der UNESCO zum immateriellen
Kulturerbe erklären zu lassen. Der Verband
wollte sich damit auch der Kampagne von
sieben weiteren Stierkampf-Ländern anschließen,
um "die Stierkampf-Kultur gegenüber allen Angriffen im Namen so genannter "Tierrechte", die von keiner internationalen Instanz und besonders nicht von der UNESCO anerkannt
werden, zu schützen".
An
dieser Argumentation erkennt man ein
mal mehr eindrucksvoll, wie wichtig rechtsethisch
und rechtsphilosophisch fundierte, rechtsstaatlich
verbriefte bzw. institutionalisierte
und international ratifizierte Tierrechte
als grundlegendes, rechtlich-formales
Konzept und juristischer Schutzschirm
gegen überkommene, destruktiv-anachronistische
„Traditionen“ und „Gebräuche“ wie Stierkampf
oder Singvogelfang ist.
Genauso,
wie es im gesellschaftlich-sozialen,
zwischenmenschlichen Bereich im Zuge
von Zivilisation und Fortschritt im Lauf
der Geschichte zu einer kontinuierlichen
Reduktion von Gewalt im menschlichen
Zusammenleben kommen sollte, ist auch
im Zusammenleben mit den Tieren eine
stete Reduzierung und Minimierung von
allgemeiner und struktureller Gewalt
eine unverzichtbare zivilisatorische
Prämisse im Sinne von gesellschaftspolitischer
Modernisierung und ethisch-kulturellem
Fortschritt der Gesellschaft.
Die
Stierkampflobby hat sich mittlerweile
in einer internationalen Organisation,
der „Asociacion Internacional de Tauromaquia“
(AIT), weltweit zusammengeschlossen:
Spanien, Frankreich, Portugal, Mexiko,
Kolumbien, Peru, Venezuela und Ecuador
arbeiten gemeinsam und geradezu fieberhaft
an der Verwirklichung ihres UNESCO-Projekts.
Nicht
nur, dass der Stierkampf per Gesetz
erhalten werden soll – „Angriffe“ in
Form von
Kritik daran beziehungsweise Agitation
gegen das „kulturelle Erbe“ Tauromachie
könnten mit Stierkampf im UNESCO-Welterbe-Rang
sogar empfindlich sanktioniert werden.
Dies könnte dazu führen, dass diejenigen,
die sich gegen den Stierkampf engagieren,
z.B. in Form von vollkommen legalen
Protesten und Kundgebungen vor Stierkampfarenen,
deren Ziel die Abschaffung derselben
ist, ein „Vergehen gegen das historische
Erbe“ bzw. einen rechtlichen Verstoß
gegen ein von Seiten der UNESCO unter
Schutz stehendes „Kulturgut“ begehen,
welches mit empfindlichen Geld- bis
hin
zu Haftstrafen belangt werden könnte.
Grundidee
der UNESCO
Wie
absurd die Bestrebungen, die Tauromachie
als immaterielles kulturelles Erbe der
Welt zu verankern, sind, zeigt ein Blick
hinter die Ideen und Leitgedanken der
UNESCO.
Zu
den Aufgabengebieten der UNESCO gehört
selbstdefinitionsgemäß die Förderung
von Erziehung, Wissenschaft und Kultur
sowie Kommunikation und Information,
aber sicherlich nicht die Erziehung zu
gewalttätiger Verrohung, Brutalität und
Gewissenlosigkeit oder die Förderung
mittelalterlich-archaischer kultureller
Relikte, die an barbarischer Grausamkeit
kaum zu übertreffen sind. Kultur ist
nicht als starres, unveränderliches System
zu verstehen, sondern als ein dynamischer,
evolutionärer Prozess, welcher durch
Hinzufügen, Ersetzen oder auch Verlust
von überholten Kulturgütern, Bräuchen
und Traditionen in stetem Wandel begriffen
ist.
Grundidee
der UNESCO-Welterbekonvention ist die
“Erwägung, dass Teile des Kultur- oder
Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung
sind und daher als Bestandteil des Welterbes
der ganzen Menschheit erhalten werden
müssen.” Die Unterstützung der finanziellen
Interessen der Stierkampflobby und die
damit verbundenen Misshandlungen von
leidensfähigen Tieren entspricht jedenfalls
nicht der Leitidee der Vereinten Nationen
und ihrer Kulturförderungspolitik.
Ob
die „Tauromachie“ nun wirklich wie kürzlich
der Singvogelfang im Salzkammergut zum
„Immateriellen Weltkulturerbe“ erklärt
wird, ist offen und wird davon abhängen,
ob in einer der nächsten Antrags- und
Entscheidungsrunden über die Aufnahme
neuer immaterieller Kulturgüter diese
tatsächlich von der UNESCO in die Liste
des erhaltenswerten Weltkulturerbes aufgenommen
wird. Unter den maßgeblichen EntscheidungsträgerInnen
befinden sich etliche dem Stierkampf
zugeneigte LandesvertreterInnen, die
laufend von einer einflussreichen und
hartnäckigen Lobby bearbeitet werden.
Für
uns als TierfreundInnen, TierrechtlerInnen,
NGOs , MeinungsbildnerInnen, JournalistInnen
oder einfach kulturell Interessierte
und zivilgesellschaftlich Bewegte ist
es entscheidend, jetzt dazu beizutragen,
dass nicht eine anachronistische Barbarei
und ein ästhetisch verklärtes, kulturell
verbrämtes Blutbad und Gemetzel zum Weltkulturerbe
der Menschheit erklärt und geadelt wird
und damit als schützenswertes Kulturgut
auf sehr lange, nicht abschätzbare Zeit
– ja vielleicht auf ewig - festgeschrieben
wird.
Stehen
wir jetzt dagegen auf, bevor es zu spät
ist! Nur eine starke, vielfältige Stimme
und breite Bewegung für die Rechte der
Tiere kann künftige Generationen von
„Kampfstieren“ davor bewahren, den grausamen
Martertod in einer Arena zu sterben.
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