Tom Regan: Die Philosophie der Tierrechte
Statement
Prof. Regan ist seit über 20 Jahren
Professor für Philosophie an der Universität
von North Carolina State. Er hat für seine zahlreichen
Publikationen zu den Themen von Ethik, Moral und Religionsphilosophie
diverse Auszeichnungen erhalten. Sein wichtigstes Werk
zum Thema Tierrechte ist das 1983 erschienene Werk "The
Case for Animal Rights", das nächstes Jahr auch
auf deutsch erscheinen wird.
Die anderen Tiere, die von Menschen gegessen, in der
Wissenschaft benutzt, gejagt, gefangen und auf vielerlei
andere Art und Weise ausgebeutet werden, führen ein
eigenes Leben, welches für sie von Bedeutung ist,
unabhängig von ihrer Nützlichkeit für uns.
Sie sind nicht nur in dieser Welt, sie sind sich auch
dessen bewusst. Und was ihnen widerfährt, ist wichtig
für sie. Jedes Tier hat ein Leben - und dieses Leben
kann erfahrungsgemäß besser oder schlechter
sein. Die Tiere sind nicht unsere »Werkzeuge«,
nicht unsere »Modelle«, nicht unsere »Ressourcen«,
nicht unsere »Waren«. Sie gehören »uns«
absolut nicht. Sie sind- so wie wir - jemand, nicht etwas.
Und deshalb muss die Ethik unseres Umgangs mit ihnen auf
denselben fundamentalen moralischen Prinzipien beruhen
wie die Ethik unseres Umgangs mit uns Menschen.
Eine aufgeklärte menschliche Ethik beruht letztlich
auf dem Eigenwert jedes Individuums: Der moralische Wert
eines menschlichen Lebewesens darf nicht daran gemessen
werden, wie nützlich es für die Erfüllung
der Interessen anderer ist. Wenn man beim Umgang mit menschlichen
Lebewesen ihren Eigenwert ignoriert - sie z.B. als »Werkzeuge«,
»Modelle« oder »Waren« behandelt
-, verletzt man das grundlegendste moralische Recht: das
Recht jedes einzelnen von uns, mit Respekt behandelt zu
werden.
Die Philosophie der Tierrechte verlangt lediglich, dass
diese logische Konsequenz stets beachtet wird. Jedes Argument,
das plausibel den unabhängigen Wert menschlicher
Lebewesen erklären kann, führt dazu, dass auch
nichtmenschliche Lebewesen denselben Wert besitzen, und
zwar gleichermaßen. Und jedes Argument, das plausibel
erklärt, warum wir Menschen mit Respekt behandeln
sollen, liefert die Gründe dafür, dass auch
andere Lebewesen dasselbe Recht haben, und zwar in gleichem
Maße. Ist diese Wahrheit einmal anerkannt, so ist
es offensichtlich, warum die Philosophie der Tierrechte
kompromisslos gegenüber jeder Ungerechtigkeit ist,
die anderen Tieren angetan wird. Die Gerechtigkeit verlangt
z.B. nicht größere, sauberere Käfige für
die Tiere, die in der Wissenschaft benutzt werden, sondern
leere Käfige. Sie verlangt keine »traditionelle«
Tierhaltung in der Landwirtschaft, sondern das vollständige
Ende der kommerziellen Handels mit dem Fleisch toter Tiere.
Sie verlangt keine »humaneren« Jagdmethoden
und Fallen, sondern die totale Ausrottung dieser barbarischen
Praktiken.
Denn wenn ein Unrecht absolut ist, muss man sich ihm
absolut entgegenstellen. Die Gerechtigkeit hat keine »Reform«
der Sklaverei gefrodert, keine »Reform« der
Kinderarbeit, keine »Reform« der Unterdrückung
der Frau. In jedem dieser Fälle war die moralisch
einzig angemessene Antwort ihre Abschaffung. Wenn man
eine absolute Ungerechtigkeit reformiert, verlängert
man diese Ungerechtigkeit nur.
Die Philosophie der Tierrechte verlangt dieselbe Antwort
auf die ungerechte Ausbeutung anderer Tiere: nämlich
ihre Abschaffung. Es sind nicht die Details der Ausbeutung,
die geändert werden müssen. Die ungerechte Ausbeutung
selbst muss beendet werden, unabhängig davon, ob
sie z.B. in der Landwirtschaft, im Labor oder in der freien
Natur stattfindet. Die Philosophie der Tierrechte verlangt
nicht mehr als das, aber sie wird sich auch nicht mit
irgendetwas Geringerem zufrieden geben.
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