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Bericht über meine Pelzfarm-Tour
durch Skandinavien und unsere Erfahrungen mit der
Pelzfarmregion in Finnland
von Dr. Martin Balluch
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Im April 2003 veröffentlichte die Zeitschrift „Wirtschaft“ eine ökonomische
Analyse des Pelzhandels in Österreich. Seit
dem Pelzfarmverbot in Österreich im Jahr 1998
ist der Pelzhandel ausschließlich auf Importe
von einem Produkt angewiesen, das hierzulande gar
nicht hergestellt werden darf. Der bereits seit Jahrzehnten
unverändert stetige Rückgang im Pelzhandel
wurde in den letzten 2 Jahren gestoppt. Als Ursachen
dafür wurde in dem Artikel festgestellt: i)
seit es keine heimischen Pelzfarmen mehr gibt, werden
in den heimischen Medien mangels Bezug zu Österreich
keine Bilder von Pelztieren mehr gezeigt; ii) die
Kürschnerinnung importiere jetzt fast ausschließlich
nur noch aus skandinavischen Pelzfarmen, die durch
die weltweit besten Tierschutzstandards bekannt wären,
Rohpelze. Als Gefahr für einen möglichen
zukünftigen Anstieg im Pelzhandel konstatiert
der Autor einerseits, dass einzelne KürschnerInnen
Pelze aus anderen Ländern mit niedrigeren Standards,
wie Osteuropa, China oder Russland, importieren könnten,
und andererseits, dass von Tierschutzseite her die
skandinavischen Pelzfarmen negativ in die Medien
gebracht werden könnten.
Umfassende Pelz-Recherche in Skandinavien
Deshalb beschloss ich eine umfassende Bestandsaufnahme
der Pelzindustrie in Skandinavien zu versuchen. So
besuchte ich von 17. bis 29. Oktober 2003 Dänemark,
Schweden, Norwegen und Finnland um soviel Film- und
Fotomaterial von Pelzfarmen wie möglich zurück
nach Österreich zu bringen. Es stellte sich
heraus, dass die Pelzfarmen in Skandinavien um nichts
besser sind, als die in Osteuropa. Vielleicht sind
manche sauberer, aber für die festgehaltenen
Tiere ist die Situation ununterscheidbar und die
Farmen sind generell größer. Die Nerze
haben üblicherweise Käfige mit 30cm x 90cm
für 2 Tiere, und die Füchse 50cm x 60cm,
auch zuweilen für mehrere Tiere. Die großen
Füchse können in diesen winzigen Käfigen
nicht einmal einzeln stehen, ohne an eine Seitenwand
des Käfigs anzustoßen.
Finnland
Zunächst filmte ich 3 Tage lang in Finnland,
in der Nord-West Region, in der sich praktisch alle
Pelzfarmen des Landes befinden. Pelzfarmen sind dort
eine der wichtigsten Industrien. In Nykarleby gibt
es z.B. 350 Pelzfarmen bei 7000 EinwohnerInnen, d.h.
praktisch jedeR EinwohnerIn muss zumindest mit PelzfarmerInnen
verwandt sein oder sie sehr gut kennen. Entsprechend
stark ist daher dort auch die allgemeine Zustimmung
zu Pelzfarmen, und entsprechend schwer ist es als
Ausländer mit ausländischem Auto zu filmen.
Bei meinem Besuch von Kaustinen am dritten Tag meines
Aufenthalts parkte ich das Auto an einer Strasse
mitten im Ort und ging zum Pelzfarmeingang, um noch
einmal ein bisschen zu fotografieren und zu filmen.
In diesem recht kleinen Ort gibt es 130 Pelzfarmen,
eine neben der anderen, und riesengroß! Nach
ein paar Fotos sehe ich im Augenwinkel einen Mann
in einem Auto auf der Strasse heranfahren. Rasch
springe ich ins Auto zurück, doch der Pelzfarmer
stellt sich mit seinem Auto quer vor mir über
die Straße. Er springt heraus, ich versperre
das Auto. Er klopft an die Scheiben und schreit auf
finnisch. Ich antworte auf englisch, sage, dass ich
ein Tourist bin, und nur ein Foto aufgenommen habe.
Er geht ein paar Schritte zurück und zückt
sein Handi.
Die Strasse war zu diesem Zeitpunkt vollkommen mit
einer zentimeterdicken Eisschicht überzogen.
Zusätzlich hatte ich ein Straßenauto mit
ziemlich abgefahrenen Sommerreifen. Der Pelzfarmer
hatte ein Geländefahrzeug mit spikebewährten
Winterreifen. Doch der Anruf des Pelzfarmers, offenbar
um Verstärkung zu holen, ließ mir die
Entscheidung leicht fallen: ich fuhr rückwärts
los, schlug die Lenkung voll ein, schleuderte auf
dem Eis einmal herum und fuhr so rasch ich konnte
Richtung Hauptstrasse davon.
Der Pelzfarmer war zunächst überrascht.
Sicher auch weil er gerade telefonierte konnte er
nicht sofort reagieren. Obendrein musste er noch
langsam umdrehen, weil die Strasse ziemlich eng war.
Jedenfalls konnte ich einmal abbiegen, bevor es ihm
gelang aufzuschließen. Noch eine Kurve, ich
nehme sie ganz langsam um nur jetzt nicht in den
Graben zu rutschen, er fährt dicht auf, kann
aber nicht überholen. Jetzt bin ich aber auf
der Hauptstrasse, vom Eis gesäubert und schnurgerade,
wie für Finnland typisch. Ich steige voll aufs
Gas und die Tachonadel zieht nach oben: 130, 140,
150 dann 160 km/h. Sein Geländewagen kann längst
nicht mehr mit, wird immer kleiner im Rückspiegel
und verschwindet langsam vollständig.
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Doch sicher hatte er andere Pelzfarmer alarmiert.
Später erfuhr ich, dass auch die Polizei von
ihm informiert wurde. Die erkundigte sich sogar in Österreich
nach dem Autobesitzer. Jedenfalls fuhr ich noch 20
km Vollgas geradeaus, und dann bog ich links auf
eine kleine Forststrasse in den Wald. Weitere 60
km fuhr ich auf kleinen Strassen nach Osten aus der
Gefahrenzone, dann wieder auf großen Strassen
noch weitere 200 km und am nächsten Tag verließ ich
Finnland. In 3 Tagen hatte ich 2 Videobänder
und 9 Fotofilme zu je 36 Bildern mit Pelzfarmmotiven
aus insgesamt 25 Pelzfarmen gefüllt. Durch den
vielen Wald in Finnland ist es relativ leicht ungesehen
bis sehr nahe an die meisten Farmen heranzukommen.
Ich sah kaum Zäune oder Alarmsysteme. Noch in
Finnland steckte ich sicherheitshalber das gesamte
Material in ein Kuvert und sandte es eingeschrieben
per Post zu mir nach Hause. Ich hatte auch Aufnahmen
von sogenannten Superfüchsen erstellen können.
Diese Füchse, eine finnische Spezialität,
sind gezielt gezüchtete Nachkommen einer Mutation,
die zufällig einen doppelt so dicken Fuchs mit
starken Hautrunzeln und hängenden Hautfalten
produziert hatte. Superfüchse, in der Natur
nicht lebensfähig und nur unter Schmerzen in
der Lage zu gehen, haben doppelt soviel Pelz wie
normale Füchse. Ein klassisches Beispiel einer
sogenannten Qualzucht.
Schweden
In Schweden filmte ich 15 Farmen im nördlichen
Südschweden und weitere 30 auf der Halbinsel
Listerlandet, wo es 70 der 130 Pelzfarmen Schwedens
gibt. Alle diese Farmen sind Nerzfarmen, weil Fuchsfarmen
in Schweden verboten sind. Im Gegensatz zur Situation
in Finnland haben praktisch alle schwedischen Nerzfarmen
einen oft 2,5 m hohen, undurchsichtigen Umgebungszaun
und Alarmsysteme auf der Farm. Dennoch ist auch in
Schweden durch den vielen Wald eine unbeobachtete
Annäherung möglich. Die schwedischen Farmen
im Süden sind allesamt sehr groß. Einmal
legte ich die Videokamera auf die Armatur und fuhr
quer durch eine Pelzfarm, mehrere Minuten lang, und
filmte dabei. Die größte Nerzfarm mit
100.000 Nerzen befindet sich aber weiter nördlich
nahe von Skara. Dort konnte ich glücklicherweise
recht leicht gute Aufnahmen machen. Insgesamt hatte
ich zuletzt Material auf 3 Videobändern und
5 mal 36 Fotofilmen.
Norwegen
In Norwegen fiel es mir am schwersten Pelzfarmen
zu finden. Es gibt aber dennoch einige Regionen,
wo sie gehäuft auftreten. Durch die gebirgige
Landschaft, ohne Autobahnen, ist das Zurücklegen
von längeren Strecken allerdings sehr zeitaufwendig.
Deshalb filmte ich nur in 5 Farmen, allesamt Fuchsfarmen,
wobei eine Farm auch einen kleinen Bereich mit Nerzen
hatte. Nur eine der Farmen hatte einen Zaun. Speziell
die Farmen, die höhergelegen sind, kann man
aber sehr gut filmen, weil man als Tourist mit Rucksack
nicht aus dem Rahmen fällt. Alle diese Farmen
waren in Gegenden mit Schwerpunkt auf Tourismus,
im Gegensatz zu den Pelzfarmregionen in Finnland
und Schweden. Insgesamt kam ich mit 2 Videobändern
und 2 mal 36 Fotos aus Norwegen zurück. Diese
Materialien schickte ich mir ebenso, wie in Finnland,
per Post nach Hause.
Dänemark
Zuletzt ging ich nach Dänemark. Obwohl Dänemark
der weltgrößte Nerzproduzent ist, und
die Nerzfarmen überall verteilt sind, ist die
Tierrechtsbewegung dort aber vergleichsweise am schwächsten
und daher die Unterstützung durch lokale Gruppen
am geringsten. Zusätzlich fühlen sich die
PelzfarmerInnen viel sicherer und sind so von ihren
Farmen überzeugt, dass einer es mir erlaubte
auf seiner Nerzfarm zu filmen. Die Farm hatte 150.000
Nerze. Während der Farmer einer dänischen
Tierrechtlerin alle Einzelheiten des Pelzfarmens
erklärte, konnte ich 40 Minuten lang praktisch
ungestört filmen und 3 mal 36 Fotos machen.
Er dachte wir wären JournalistInnen, die über
die besonders hohe Qualität skandinavischer
Farmen berichten wollten.
Insgesamt besuchte ich also 76 Pelzfarmen, produzierte
9 Videobänder und 17 mal 36 Fotos, und fuhr
8905 km in 118 Stunden reiner Fahrzeit. Ich möchte
mich an dieser Stelle noch einmal bei allen lokalen
TierrechtlerInnen bedanken, die mir alle erdenkliche
Hilfe zukommen ließen. Es wurde deutlich wie
sehr die Tierrechtsbewegung eine internationale Bewegung
ist, die keine nationalen Grenzen kennt. Ohne diese
Hilfe hätte meine Inspektionsreise niemals so
erfolgreich verlaufen können.
Filmmaterial von der Polizei beschlagnahmt
Zu Hause in Österreich erhielt ich zwar das
Filmmaterial aus Norwegen, aber das Packet aus Finnland
wollte nicht ankommen. Aus unbekannten Gründen
war die Polizei auf das Paket aufmerksam geworden
und hatte es beschlagnahmt. Nach meiner Rückkunft
nach Österreich 10 Tage später teilte mir
die Post auf Anfrage mit, dass ich mein Material
nicht mehr bekommen könnte.
Da ich aber finnisches Material brauchte, um den
skandinavischen Bericht zu vervollständigen,
und da trotz Einschaltung eines finnischen Rechtsanwalts
und der österreichischen Botschaft in Finnland
keine Aussicht bestand, dass ich meine Fotos und
Filme zurückbekommen könnte, beschloss
ich, sofort, noch bevor die Tötungen der Pelztiere
abgeschlossen waren, wieder nach Finnland zu fahren.
Zwei österreichische Tierrechtler erklärten
sich bereit, mich zu begleiten.
Das letzte Mal war ich mit dem österreichischen
Auto nach Finnland gekommen. Ich war aber von Pelzfarmern
gesehen und verfolgt worden, sodass klar war, dass
auch die Polizei über die Nummerntafel des Autos
verfügte. So beschlossen wir mit dem Flugzeug
zu fliegen und uns vor Ort ein Auto zu mieten. Wir
wollten mit keinen finnischen AktivistInnen in Kontakt
treten, um einerseits diese nicht in Gefahr zu bringen
und um andererseits unsere Pläne nicht dadurch
zu gefährden, dass wir auf Telefonen oder per
Emailanschlüssen kommunizierten, die von der
Polizei abgehört wurden.
Erneute Recherche in Finnland
So kamen wir am Sonntag den 9. November 2003 spät
abends in Helsinki am Flughafen an. Mir war bewusst,
dass mich die finnische Polizei sofort verhaften
würde, wenn sie irgendwo meinem Namen begegnete.
Mir war auch bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit
ziemlich groß war, zu dritt als Österreicher
in der Pelzfarmregion aufzufallen und letztendlich
verhaftet zu werden. Aber einerseits dachte ich,
dass uns die Polizei bestenfalls bis zu unserem Abflug
festhalten würde, um weitere Filmaufnahmen zu
verhindern, und nicht länger. Und andererseits
hoffte ich, dass dadurch, dass ich mich dann quasi
stellte, die Verdächtigungen aufgrund dessen
mein Postpaket mit den Filmen konfisziert worden
war, aufgeklärt werden könnten und ich
mein Material zurückbekommen müßte.
Also entweder wir würden neues Material von
Pelzfarmen erstellen und nach Österreich bringen
können, oder wir säßen zwar eine
Weile im Gefängnis, aber es bestünde wenigstens
eine Chance das alte Material gerichtlich von der
Polizei zurückverlangen zu können.
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Nach der Landung am Flughafen in Helsinki teilten
wir uns auf. Die anderen beiden hatten alle Foto-
und Filmausrüstung und waren instruiert, wo
sie Farmen finden könnten, falls ich am Flughafen
verhaftet würde. Ich konnte aber ungehindert
den Flughafen verlassen. Die Polizei hatte also keine
Ahnung, dass wir in Finnland waren.
Danach fuhren wir mit dem Mietauto in den Norden.
Wir konnten zunächst bei einer Farm in Ruhe
filmen und super Material erstellen. Ein Aktivist
war im Auto davongefahren, ein anderer beobachtete
die Farm, und ich war drinnen und filmte. Bei der
zweiten Farm musste der Fahrer praktisch die Gegend
verlassen, weil diese Farm weit von einer größeren
Strasse entfernt war. So gingen einer der Aktivisten
und ich quer durch den Wald auf die Farm zu. Niemand
war auf der Fuchfarm zu sehen, und so postierte sich
mein Kollege wieder im Wald und ich ging in die Farm
filmen. Nach wenigen Minuten war plötzlich deutlich
ein Auto zu hören. Ich lief sofort aus der Farm
heraus. Wir sahen dann ein Auto auf die Farm fahren
und einen Pelzfarmer im gelben Overall aussteigen
und die Käfigreihen entlanggehen. Wir flüchteten
sofort tief in den Wald.
Um die potentiellen Verfolger zu verwirren liefen
wir zunächst nur 10 m neben der nächsten
Pelzfarm, einer großen Farm mit Superfüchsen,
entlang nach Süden, überquerten die Forststrasse
an ihrer schmalsten Stelle mit Wald auf beiden Seiten
der Strasse, und liefen in einem großen Bogen
2 Stunden lang letztendlich nach Norden zur nächsten
großen Strasse ungefähr 5 km von der Pelzfarm
entfernt. Dort versteckten wir uns etwa 100 m von
der Strasse entfernt im dichten Wald und riefen per
Handi den Fahrer an.
Pelzfarmer bedrohten VGT-Aktivisten
Der Fahrer war, nachdem er uns abgesetzt hatte,
zwar weggefahren, aber nicht weit genug. In dieser
Region fällt man sofort auf, wenn man nicht
dazu gehört. Er parkte sein Auto und rauchte
eine Zigarette, und befand sich dabei, ohne es zu
wissen, nur 500 m neben einer weiteren Pelzfarm.
In dieser Gegend muss man mit dem Auto dauernd fahren,
und zwar direkt und rasch immer in eine Richtung,
als hätte man ein Ziel. Niemals im Kreis, nur
umdrehen wenn absolut niemand einen sieht, und nicht
innerhalb kurzer Zeit zur selben Stelle zurückkehren.
Jedenfalls fuhr plötzlich ein Pelzfarmer vor,
schrie den Tierrechtler an und blockierte sein Auto.
Der Tierrechtler zeigte dem Pelzfarmer seinen Ausweis
und versuchte ihn zu beruhigen. Er wäre nur
dort um die Bäume anzuschauen, als Biologe.
Erst 2 Wochen vorher hatten Pelzfarmer zwei Kunststudenten
fälschlich beschuldigt, weil diese nur Fotos
vom Wald aufnehmen wollten. Der Pelzfarmer rief die
Polizei. In der Zwischenzeit waren noch weitere Pelzfarmer
angekommen und die Situation wurde immer bedrohlicher.
Die zwei Polizisten waren aber ausnehmend freundlich
und ließen den Tierrechtler ohne weiteres wieder
weiterfahren. Er solle halt nicht mehr hierher zurückkommen.
Nur, genau das tat er, offenbar weil er nicht zu
weit von uns zweien im Wald wegbleiben wollte. Er
fuhr also eine Weile davon, kehrte aber bald um und
kam direkt wieder zurück. Gleichzeitig hatte
er die Karte verblättert und wusste daher gar
nicht mehr genau, wo er eigentlich war. So parkte
er auf einer Tankstelle und rauchte die nächste
Zigarette. Bald kam derselbe Pelzfarmer wieder, und
diesmal mit 5 anderen Fahrzeugen voller Pelzfarmer.
Der Tierrechtler sperrte sich im Auto ein, die Pelzfarmer
schlugen auf die Scheiben und schrien und bedrohten
ihn damit ihn umzubringen. Ein Pelzfarmer nahm ein
Gewehr aus dem Auto und lud es vor den Augen des
Tierrechtlers und drohte, er solle die Tür öffnen
oder er würde erschossen. Die Pelzfarmer fotografierten
ihn und nahmen die Autonummer auf.
Gewalttätigkeit der Pelzfarmer auch
gegen Menschen
Erst wenige Jahre vorher hatte ein Pelzfarmer auf
5 TierrechtsaktivistInnen geschossen. Einer hatte
einen Lungendurchschuss erlitten und konnte nur noch
in letzter Sekunde durch eine Notoperation gerettet
werden, einem anderen wurden beide Beine getroffen,
sodass er nicht mehr gehen konnte. 2 weitere wurden
ebenfalls getroffen aber nur leicht verletzt. Der
Farmer verteidigte sich damit, dass er eh nur auf
die Beine gezielt hätte.
Die Pelzfarmer hatten auch einige Zeit vorher eine
Aussendung an die Presse gemacht, die ein Bild von
3 maskierten Farmern im Kampfanzug zeigt, alle schwer
mit Gewehren bewaffnet, und einem Strick für
einen Galgen. Unter diesem Foto stand in der Aussendung
wörtlich: „Wir erklären diese Region
eine terroristenfreie Zone [Terroristen ist das Wort
für Tierrechtler bei diesen PelzfarmerInnen].
Kein Terrorist hat hier irgendwas verloren. Wir kennen
Euch und wir beobachten Eure Bewegungen. Verbrennt
Eure Landkarten und jegliche Information über
unsere Farmen. Falls jemand von Euch zu unseren Farmen
kommt, dann tut Ihr das vorsätzlich und werdet
entsprechend behandelt. Wenn Ihr dieses Wort eines
Mannes nicht ernst nehmt, werdet Ihr für den
Rest Eures Lebens bereuen, in unsere Gegend gekommen
zu sein.“
So schwer bedroht rief diesmal der Tierrechtler
die Polizei. Sie kam auch kurz darauf, wieder dieselben
Polizisten, aber diesmal unwirscher. Sie durchsuchten
das Auto und fanden die Rucksäcke von uns anderen.
Der Fahrer gab zu, dass es noch einen Freund im Wald
gäbe, und dieser würde ebenfalls Biologie
studieren und wäre Bäume anschauen gegangen.
Er hatte auch die TierrechtlerInnen in Wien über
seine Zwangslage informiert. Die wiederum haben mir
auf meinem Handi eine entsprechende Nachricht hinterlassen.
Wie ich also anrief, war ich bereits von der Gefahr
informiert. Unser Fahrer plauderte gerade mit der
Polizei und wir vereinbarten am Telefon, dass der
andere Aktivist als sein Freund zur Tankstelle kommen
sollte. Vielleicht würden sie sie dann fahren
lassen, vor allem wenn sie meinen Namen nicht hörten.
Der Aktivist ging also zur Tankstelle, und die beiden
wurden prompt festgenommen und zuerst nach Kaustinen
und dann nach Kokkola auf die Polizeistation gebracht.
Kokkola ist eine der Hauptstädte in der Pelzfarmregion.
Es gibt 1700 Pelzfarmen in der Gegend. Am 21. September
2003 hatte die ALF im Herzen der Pelzregion, genau
in Kokkola, 8000 Nerze aus einer Pelzfarm befreit.
Es gab keine Verdächtigen. Die Polizei stand
also unter großem Druck jemanden zu verhaften.
Und Ausländer kommen dafür gerade recht,
weil die Presse in Finnland seit geraumer Zeit darüber
spekuliert, dass die bösen Ausländer für
solche Anschläge verantwortlich sein müssten.
Ich wusste allerdings nichts von diesen Festnahmen.
Ich saß noch immer im Wald und beobachtete
die nahe Strasse. Es war mittlerweile stockdunkel
geworden. Ich sah viele Pelzfarmer auf und ab fahren,
oft trafen sich 6 oder mehr Fahrzeuge, die Leute
sprangen heraus, schrien aufgeregt durcheinander
und leuchteten mit ihren Taschenlampen in die Dunkelheit.
Dann fuhren sie wieder weiter. Offenbar wurden weitere
AktivistInnen gesucht. Einmal kamen die Pelzfarmer
in einer Gruppe von etwa 10 Leuten auf gut 40 m an
mich heran. Ich zog mich bereits durch den Wald zurück,
immer die Farmer im Blickfeld, aber dann gingen sie
zurück zu ihren Autos und fuhren weiter. Leider
hatte der Aktivist, der zur Tankstelle gegangen war,
aus Versehen meine Taschenlampe mitgenommen, und
so konnte ich mich nur auf meine Augen verlassen,
die aber in der Dunkelheit im Wald nicht sehr zuverlässig
waren.
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Nach mehreren Stunden ohne Nachricht von den beiden
rief ich sie an. Niemand hob ab. Damit war mir klar,
sie mussten noch bei der Polizei sein. Waren sie
festgenommen, dann war ich jetzt ganz auf mich allein
gestellt. Das wollte ich wissen. Also vergrub ich
das Videoband im Wald und schlich durch den Wald
zur besagten Tankstelle. Dort war absolut niemand
mehr. Sie mussten also festgenommen worden sein.
Was sollte ich tun? Ich konnte versuchen die Nacht
im Wald zu überstehen. Finnland ist im Moment
ziemlich kalt, trotz vergleichsweise mildem Wetter
sinkt das Thermometer in der Nacht sicher auf minus
5 Grad oder so. Dazu hatte ich wenig Kleidung, nur
für rasches Laufen konzipiert, und war durch
und durch nass. Wir hatten mehrere Flüsse und
Sümpfe durchquert und waren stundenlang durch
den nassen Wald gegangen und an nassen Bäumen
gestreift. Zusätzlich dauert die Nacht in Finnland
in diesen Breiten im Moment etwa 17 Stunden. Und
ich hatte seit der Früh nichts gegessen, und
auch nichts zu essen mit. Die andere Möglichkeit
war, finnische AktivistInnen anzurufen und mich abholen
zu lassen. Die nähersten Leute, deren Nummer
ich hatte, waren rund 200 km entfernt. Sie hätten
auch mitten in der Nacht tief ins Pelzfarmterritorium
reinfahren müssen, und die Polizei hätte
sie abhören und dann mit mir in Verbindung bringen
können. Kurz, ich wollte das nur als letzten
Ausweg tun. Eine andere Möglichkeit war, mich
der Polizei zu stellen. Wie gesagt, ich erwartete
nur bis zum Abflug festgehalten zu werden und sah
so immerhin eine Chance mein Filmmaterial zurückzubekommen.
Einfach grad durch den Wald zu gehen (ich hatte
einen Kompass, allerdings ohne Licht), war keine
Option. Ich hatte keine Wanderkarte von der Gegend
und wäre mit Sicherheit auf Pelzfarmen gestoßen,
was ich unbedingt vermeiden wollte. Aus der Pelzfarmregion
rauszuwandern hätte mehrere Tage gedauert.
Rettung in letzter Sekunde
Und so beschloss ich mich in die nächste größere
Stadt zu flüchten, und wenigstens für die
Nacht noch was zu essen zu kaufen. Vielleicht gabs
dort auch ein Hotel, oder eine Busverbindung oder
einen Bahnhof. Ich ging direkt durch den Wald bis
nach Evijärvi, eine Stadt der Größe
von Mariazell, mit vielleicht ein paar tausend EinwohnerInnen.
Das Stadtzentrum war hell beleuchtet, mit einigen
Geschäften und einem noch offenen Supermarkt.
Allerdings war absolut niemand auf der Strasse, und
es gab keinen Bahnhof und kein Hotel. Ich musste
also auffallen. So ging ich in den Supermarkt. Der
war riesengroß, wie ein durchschnittlicher
Merkur, und hatte auch eine Ecke mit veganem Essen,
wie Sojajoghurts, Sojamilch und Tofuwürsten.
Ich machte aber einen großen Bogen darum, um
nicht aufzufallen. Allerdings gab es eh kaum KundInnen,
vielleicht insgesamt 3 Personen. Und wie ich so die
Gänge entlangstreune, um mich aufzuwärmen,
kommen plötzlich 2 Männer um die Ecke – und
erstarren wie sie mich sehen. Was auch immer an mir
so auffällig war, es gab keinen Zweifel: die
beiden hatten mich als Ausländer und Fremden
und Pelzgegner identifiziert und riefen per Handi
andere Pelzfarmer zu Hilfe. Ich ging sofort aus dem
Geschäft hinaus und wollte so rasch wie möglich
zurück zum einzigen Freund, der mir in dieser
feindlichen Gegend geblieben war: dem großen
nördlichen Wald mit seinen dunklen, Deckung
bietenden Bäumen. Aber der war weit und breit
nicht zu sehen.
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Schon fuhr neben mir ein Auto heran, und ein Mann
rief etwas auf Finnisch aus dem Auto. Ich ignorierte
ihn und joggte harmlos weiter. Er rief noch einmal
und noch einmal. Zuletzt antwortete ich "sorry?".
Da schrie er "you are in deep trouble!" und
das Auto brauste davon. Hundert Meter weiter traf
es auf ein anderes, drehte um und die beiden schossen
auf mich zu und versuchten mir den Weg abzuschneiden.
Ich rannte sofort los, entkam den beiden Autos, wollte
aber in keine Seitengasse biegen, die eine Sackgasse
sein könnte und lief daher zurück zum Supermarkt.
Hinter mir rannten ein paar Pelzfarmer, von rechts
kamen weitere Männer mit Prügeln dahergerannt.
Ich schoss direkt in den Supermarkt hinein, quer
durch die Gänge durch einen Hinterausgang ins
Warenhaus, die Pelzfarmer dicht hinter mir, übersprang
ein paar Dosenstapel und lief direkt in ein WC. Die
erste Tür zugesperrt und dann auch noch eine
zweite.
Draußen begannen sie auf finnisch zu schreien
und gegen die Türen zu trommeln. Sie versuchten
die Tür aufzubrechen.
Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Diese
Angst, die einen erstarren lässt, ähnlich
wie sich vielleicht eine Maus fühlt, einer angreifenden
Katze gegenüber, ohne Fluchtmöglichkeit,
aussichtslos. Fast wie ein Todstellen. Hätten
sie die Tür aufgebrochen und auf mich eingeschlagen,
ich hätte nicht einmal meine Arme zum Schutz
erhoben. Eine vollkommene innere Leere. Das Leben
ist zum Stillstand gekommen, direkt am Abgrund.
Da habe ich die Polizei angerufen. Notruf 112. Ich
würde hier angegriffen, bräuchte Hilfe.
Der Polizist wollte mir nicht glauben. Ich solle
in 5 Minuten noch einmal anrufen. In 3 Minuten rief
ich wieder an, die Tür hielt noch stand. Ja,
es würde jemand kommen um mich zu holen. Meine
beiden Freunde seien auf der Polizei in Kokkola.
In 30 Minuten wäre die Polizei da. In 30 Minuten,
antwortete ich, bin ich bereits tot. Aufgelegt.
Immer mehr Stimmen vor der Tür, laut knallt
etwas Hartes, Metallisches dagegen. Jetzt haben sie
ihren Ausländer, den Pelzterroristen. Jetzt
wollen sie ihn vernichten.
Ich ruf meine Partnerin in Wien an. Sie hatte keine
Ahnung was vorgefallen war, wusste auch nichts von
den Festnahmen, von den Schwierigkeiten. Ein seltsames
Gefühl. Sie war unendlich weit weg, 3000 km.
Keine Möglichkeit irgendwas Sinnvolles zu sagen,
keine Möglichkeit mir zu helfen. Und dann musste
ich auflegen. Das Telefon war meine einzige Verbindung
zur Außenwelt. Ich durfte nicht riskieren,
dass mir der Akku ausging. Vielleicht gab es ein
Leben nach dem Tod.
Stille. Das Schreien und Trommeln hatte aufgehört.
Versuchten sie einen Gabelstapler zu holen, um durch
die Türen zu brechen? Dann klopft jemand energisch
an die Tür. "Polizei", ich solle sofort
aufmachen. Jaja, denk ich, nicht mit mir. Warum sind
sie so früh gekommen? Es waren erst exakt 21
Minuten nach meinem letzten Notruf vergangen. Sie
seien lokale Polizei, nicht aus Kokkola, um mich
den Kollegen zu übergeben. Ich wollte den Ausweis
sehen, sie sollen ihn unter der Tür durchschieben.
Sie tuns. Tatsächlich, Polizei. Ich öffne
die Tür.
2 Beamte in Uniform, dicht dahinter 30 Männer
mit allen möglichen Waffen in der großen,
schlecht beleuchteten Halle. Wir gehen durch die
Menge hindurch, kein Wort fällt, ich vermeide
den Männern ins Gesicht zu schauen. Dann stecken
sie mich in den Arrestwagen, hinten in einen Käfig,
und wir fahren ab.
Ich informiere Wien und den Rechtsanwalt in Helsinki,
der für mich die beschlagnahmten Filme zurückholen
sollte, von meiner Verhaftung und dass ich nach Kokkola
gebracht werde. Nach langer Fahrt im eiskalten, unbeheizten
Käfig am hinteren Ende des Busses kommen wir
nach Kokkola.
Isolationshaft, Demütigung, Essensentzug
Dort holen sie mich heraus. Ich muss mich ausziehen,
Stück für Stück, vollkommen nackt.
Dann durchsuchen sie die Kleidung und meinen Körper.
Eine Erniedrigung, die ich an mir abprallen lasse.
Ich will nicht dadurch beeinträchtigt werden.
In den nächsten Tagen brauche ich meine ganze
mentale Kraft.
Dann rein in die Zelle, rums, die Stahltür
ist zu. Ein kleiner Raum, 4 m mal 2,5 m, glatte gleichfarbige
Betonwände, kein Fenster, ein Betonbett, ein
Betonklo, ein Betonwaschbecken. Grelles Licht aus
drei Leuchtstoffröhren an der Decke, das in
der gesamten Zeit nie zurückgedreht wird. So
trostlos dieser Raum ist, so habe ich mich doch noch
nie so erleichtert gefühlt, in einer Polizeizelle.
Bald schlaf ich ein.
14 Stunden später geht erstmals die Tür
auf. Ein Anruf für mich, mein Anwalt. Bisher
hat niemand mit mir gesprochen, mir gesagt warum
ich da bin. Der Anwalt fasst sich kurz. Ich sei verdächtigt
am 21. September 2003 insgesamt 8000 Nerze aus einer
Farm in Kokkola rausgelassen zu haben. Ich gebe ihm
Kontaktadressen aus Wien und er sagt er würde
versuchen mir ein Alibi zu beschaffen. Weiters sagt
er, ich wäre wegen Störung der öffentlichen
Ordnung festgenommen worden und könne 3 Tage
festgehalten werden. Am 4ten Tag müsse ich vor
ein Gericht gestellt werden. Dann legt er auf.
Zurück in die Zelle, rums, die Tür ist
wieder zu. Einige Stunden später stellt mir
ein Wärter 2 winzige Plastikschalen mit grünem
Blattsalat in die Zelle. Mein erstes Essen seit 36
Stunden. Danach mein Verhör. Es geht nur darum
wen ich in Finnland wann und warum getroffen hab.
Ich müsse jede Sekunde, die ich in Finnland
verbracht habe, beschreiben, bei beiden meinen Besuchen.
Am Ende frage ich, ob ich mit meinem Anwalt sprechen
kann, und ob ich was zu essen bekommen und Zähne
putzen könnte. Ich hätte Essen, Kleidung,
Zahnbürste und Bücher im Auto im Polizeihof.
Selbstverständlich, meint der Verhörpolizist
vor der Dolmetscherin, bringt mich zur Zelle zurück,
und rums, die Tür ist wieder zu. 20 Stunden
später, immer noch ohne Essen, wird sie das
nächste mal wieder aufgehen.
Alle meine Versuche die Wachen zu rufen, oder etwas
zu Essen zu bekommen, scheitern. Bestenfalls glotzt
jemand durch ein Guckloch herein, und geht wieder.
Niemand beantwortet meine Fragen, niemand gibt mir
was zu essen, niemand lässt mich telefonieren,
niemand sagt mir wo die beiden anderen Österreicher
sind.
Die beiden sind nämlich in derselben Polizeistation,
aber in einem anderen Flügel. Sie bekommen was
zu essen, regelmäßig, sogar vegan, und
sie können zum Teil auch ihre Sachen aus dem
Auto haben. Die Wächter geben einem von ihnen
auch Zigaretten.
Dann das nächste Verhör, sehr unpersönlich,
kein Smalltalk. Wieder werde ich zu Details bei meinem
Aufenthalt befragt, sie zeigen mir Fotos von finnischen
AktivistInnen und sagen mir deren Namen. Ich erkenne
niemanden. Wieder frage ich nach dem Essen und nach
meinem Rechtsanwalt. Natürlich, ich solle mitkommen,
sagt der Verhörpolizist vor der Dolmetscherin,
steckt mich in die Zelle, und dort bleib ich weiter
isoliert, ohne Essen. Einmal holen sie mich noch
heraus und fotografieren mich und nehmen Fingerabdrücke.
Ansonsten nichts. Die Toilette in meiner Zelle bleibt
unbenützt. 3 volle Tage nichts zu essen. Erst
2 Stunden vor meiner unerwarteten Entlassung bekomme
ich zum ersten Mal etwas: 3 gekochte Erdäpfel,
2 Kartoffelpuffer und ein winziges Plastiksalatschüsserl.
Dann setzen sie uns alle 3 spät in der Nacht
auf die Strasse. Mitten in der Pelzfarmregion, mitten
in der Stadt mit der größten Pelztierbefreiung
aller Zeiten in Finnland, nur 6 Wochen vorher, und
nachdem die Zeitungen geschrieben hatten, dass sie
3 ausländische Pelzterroristen festgenommen
hätten. Wo sollten wir hin? Wir telefonierten
mit Wien und die versuchten uns einen Schlafplatz
bei lokalen TierrechtlerInnen zu organisieren. TierrechtlerInnen
in dieser Gegend? Klingt unwahrscheinlich. Wir fuhren
zu einem Hotel, aber der Portier verhielt sich so
seltsam, als würde er uns erkennen, sodass wir
lieber wieder gingen. Dann kommt die Nachricht: es
gibt einen Schlafplatz und eine Adresse.
Doch zum Schlafen bleibt für mich keine Zeit.
Zunächst schreibe ich rasch auf, was mir im
Verhör alles aufgefallen ist, was mir gezeigt
wurde. Wir verschlüsseln das mit PGP und verschicken
es in ganz Finnland. Bis jetzt weiß ich nicht,
ob diese Nachricht zu spät kam. Jedenfalls wurde
ein Tierrechtler, den ich getroffen hatte, und der
dauernd in meinem Verhör vorkam, von der Polizei
verhaftet und sein Haus durchsucht. Einen Tag später
wurde er wieder entlassen. Ich bin auch zu Kontakten
nach Norwegen und Schweden befragt worden. Auch in
Oslo, wo ich gewesen bin, hat man 2 Hausdurchsuchungen
gemacht und das Vegane Kollektiv auseinandergenommen.
Ich hatte aber keinen Namen genannt, keinen Aktivisten
wiedererkannt und nichts erzählt von dem ich
nicht wusste, dass die Polizei es ohnehin schon weiß.
Und dann das nächste Problem. Wielange hatte
ich darüber gegrübelt, in meiner Zelle!
Der Film, den ich im Wald versteckt hatte – wie
komm ich an den heran? Die Polizei hatte das ganze
Auto zerlegt und alle unsere Filme gefunden, selbst
den, den wir in eine Fruchtsaftflasche gesteckt hatten.
Sie wussten auch, dass ein Videoband fehlte, und
befragten mich dazu. Jetzt war ich draußen,
am nächsten Tag würde mein Flugzeug mehr
als 600 km weit weg von wo ich gerade war nach Hause
abheben. Ich musste das Band holen, koste es was
es wolle.
Filmmaterial gerettet
Das von uns gemietete Auto kam dazu nicht in Frage.
So vertraute ich mich 2 finnischen Aktivisten an.
Wir betrachteten die Straßenkarte, wälzten
mögliche Aktionsszenarien und zuletzt fuhren
wir auch tatsächlich 90 Minuten lang durch die
Nacht Richtung Evijärvi und der Pelzfarm und
dem Wald, in dem der Film lag. Es war 4 Uhr früh,
und wir fuhren immer kleinere Strassen, zuletzt Forststrassen,
direkt durch Pelzfarmgebiet. 2 mal sahen wir rechts
und links neben der Strasse in der Dunkelheit schemenhaft
Pelzfarmen vorbeifliegen. Wir wussten, gerade jetzt
vor den Tötungen fürchten die PelzfarmerInnen
eine Tierrechtsaktion am meisten. Gerade jetzt patrouillieren
sie jede Nacht durch die Strassen, auf der Suche
nach auffälligen Fremden. Kein Auto, vorn oder
hinten, 45 Minuten lang. Hätte uns ein Pelzfarmer
gestellt, hätte mich die Polizei gefasst, was
wär geschehen? Wie hätt ich das erklärt?
Was mach ich um 4 Uhr früh bei einer Pelzfarm?
Und dann kamen wir an. Wir hatten vereinbart, dass
die beiden mich absetzen, ich mich ohne Licht durch
den Wald durchschlage, den Film ausgrabe und wieder
zum Treffpunkt zurückkehre, so schnell ich kann.
Sollte es ein Problem geben, hatte ich ein finnisches
Handi dabei, und zur allergrößten Not
mein eigenes.
5 Uhr früh. Das Auto stoppt, ich spring hinaus,
den Graben hinunter, durch ein Waldstück, kurz
lauschen, hör ich was?, nein, weiter quer über
eine Forststrasse wieder in den Wald, und über
ein frisch gepflügtes Feld, rasch weiter, so
schnell es geht, dann durch einen Fluss, im Dunkeln,
dann wieder ein bisschen Wald, wieder ein Fluss,
platsch ins Wasser rein, die steile kurze Böschung
hinauf, in den Wald hinein, wo er am dichtesten ist.
Unter einem umgefallenen Baum durch, dort ist das
Versteck. Ein Griff, durch die Blätter in die
Erde, und tatsächlich hab ich die Kassette sofort
in der Hand. Kurz wieder angestrengt in die Dunkelheit
lauschen ... nichts Verdächtiges. Zurück,
zurück. Vom Feld aus seh ich die Strasse. Die
Tierrechtler stehen dort. Da kommt ein Auto, ganz
langsam fährts an ihnen vorbei. Ich renn voll
weiter, werf mich in das letzte Waldstück vor
der Strasse. Wenn das Auto stehen bleibt, dann nichts
wie zurück in den tiefen Wald. Aber es rollt
weiter, ganz langsam, und dann biegt es ab, in Richtung
zu den Pelzfarmen. Ich überspring den Graben,
renn die Böschung hinauf, rein ins Auto, und
wir fahren davon.
Wir hatten einen sicheren Ort im Auto als Versteck
präpariert, Teile des Autos aufgeschraubt. Da
kommt das Band hinein, schnell wieder zumachen. Ich
wechsel meine Schuhe und meine Hose, keine Spuren
vom Wald sollen zu sehen sein. Die Kleidung wird
unterm Sitz versteckt. Und dann die lange Fahrt zurück.
Wir fahren in einem großen, unverdächtigen
Bogen. Wer weiß, ob die Polizei nicht erwartet,
dass wir das Band holen, und uns wo auflauern will.
Gegen 8 Uhr früh kommen wir zurück, noch
immer tief in der Pelzfarmregion. Aber keine Zeit
zum Schlafen. Rasch gehts zu verschiedenen TierrechtlerInnen
nach Hause, das Band wird mehrfach sicherheitskopiert,
die Kopien bleiben in Finnland. Und dann müssen
wir losfahren, wir haben nur 8 Stunden bis zum Abflug,
und über 600 km zu fahren, praktisch ohne Autobahn.
Aber auch am Rückweg gibts keinen Schlaf. Mit
dem Büro in Wien besprechen wir eine Presseaussendung.
Insgesamt 15 mal werde ich von JournalistInnen angerufen,
oder gebe Radiointerviews. Einmal spreche ich 20
Minuten live am Tierrechtsradio, das gerade gesendet
wird. Ein Magazin macht einen Bericht über die
Sache davon abhängig, dass es uns gelingt, Filmmaterial
aus Finnland herauszubekommen. Noch ist es nicht
soweit, aber um das Interesse der JournalistInnen
zu wecken, gebe ich rundheraus zu so ein Filmmaterial
zu haben. Einige JournalistInnen wollen unmittelbar
aktuell berichten, meinen aber sie wären sehr
interessiert in der Folgewoche in Österreich
einen größeren Bericht über die Pelzfarmen
zu bringen.
Um interessante Pseudobilder von uns zu haben, machen
wir noch ein paar gestellte Aktionsaufnahmen vom
Filmen, von finnischen Seen und Wäldern, von
Ortstafeln und von unserem Auto. Dann gehts zum Flughafen.
Das letzte Mal Nervosität. Wenn, dann werden
sie dort versuchen unseren Film zu beschlagnahmen.
Wohin damit? Wo ihn verstecken?
Beim check-in die Hiobsbotschaft: unsere Flugtickets
wurden gelöscht. Es sei von jemandem angeordnet
worden, das Schalterpersonal weiß weder wer,
noch wann, noch warum. Bange Minuten. Wir drei trennen
uns, damit wir nicht gemeinsam festgenommen werden
können. Wieder Kontakt nach Wien, die sprechen
mit der Fluglinie. Angeblich nur ein harmloses Versehen,
das gleich geklärt wird. Wer's glaubt!
Dann, können wir doch plötzlich ins Flugzeug.
Wir drei, weit voneinander getrennt in verschiedenen
Teilen des Flugzeugs. Wer hat die Kassette? Wenn
mich jetzt jemand aufruft wieder das Flugzeug zu
verlassen, geh ich nicht. Sollen sie mich raustragen.
Um keinen Preis geb ich den Film wieder her. Dafür
haben wir zuviel mitgemacht, in den letzten Tagen
und Wochen. Zur Not würde ich versuchen die österreichischen
Fluggäste zu mobilisieren. Aber, nichts. Kein
Aufruf. Das Flugzeug startet.
Endlich wieder in Wien
Und nach 2 Stunden kommen wir tatsächlich in
Wien an. Die ganze Sache ist überstanden. Ich
hatte zwar seit 4 Tagen nichts gegessen und seit
48 Stunden nicht geschlafen, aber die Kassette war
in meiner Hand, der Pelzbericht aus Skandinavien
vollständig. Die Aufnahmen sind wunderbar, man
sieht sogar die berüchtigten Superfüchse
aus Finnland.
Vielen Dank an alle für die großartige
Hilfe. Danke natürlich an alle lokalen AktivistInnen
vor Ort, und an die fortwährende super Hilfe
aus Wien. Danke an alle, die uns so urlieb am Flughafen
in Wien in Empfang genommen haben. Danke an die Leute,
die uns am Abend noch so ein super Essen gezaubert
haben. Allerdings konnte ich nur sehr wenig davon
essen. Mein Magen ist offenbar geschrumpft. Vor dem
Abflug hatte ich noch 8,5 kg mehr als bei meiner
Ankunft.
Danke. Bei aller Anfeindung und Isolation macht
es den wesentlichen Unterschied zwischen Verzweiflung
und Selbstsicherheit aus, wenn man weiß, dass
man nicht allein dasteht. Und das hat mir diese Reise
wieder eindrucksvoll demonstriert.
Letztendlich war die Mission ein voller Erfolg.
Ich werde jetzt einen Film und ein Dossier über
die Situation der Pelzfarmen produzieren und gleichzeitig
die finnische Polizei gerichtlich dafür belangen,
dass sie mich gegen jede Menschenrechtsgarantie 3
Tage lang in Isolation gehalten haben und hungern
ließen, sowie, dass mir mein Filmmaterial wieder
ausgehändigt werden soll.
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